»Und – was ich noch gleich sagen wollte,« fuhr der Fürst fort, »wo steckt denn eigentlich unsere kleine Ralphen? Ich habe mich in der letzten Viertelstunde vergebens nach ihr umgesehen.«
»Dort drüben, mein gnädigster Herr,« erwiderte der Rittmeister, mit einer leichten Verbeugung nach der Richtung hinüberdeutend, in der er die junge Dame wußte. »Komtesse Melanie hat sich den beiden Staatsdamen angeschlossen.«
»Ah – danke – kommen Sie, Selikoff, ich sehe unsere schöne Komtesse schon; also auf Wiedersehen!« Und mit freundlichem Nicken verließ er die sich tief verbeugende Gruppe.
Natürlich hatte das Gespräch dadurch augenblicklich eine andere Wendung genommen. Der Kunstreiter, dessen Sache man überdies als erledigt betrachtete, war vergessen, und die Unterhaltung drehte sich ausschließlich um den jungen, fremden Grafen Selikoff, den einige mit einer geheimen politischen Mission am hiesigen Hofe betraut wissen wollten. Er sollte dabei steinreich und, einer der ersten russischen Familien angehörend, sogar der Liebling des Zaren sein; so wenigstens behauptete Fräulein von Zahbern, die einen wahren Schatz von Kenntnissen in dieser Angelegenheit entwickelte. Graf Geyerstein hatte sich indessen schon lange von der Gruppe zurückgezogen und verfolgte fast unwillkürlich mit den Blicken den jungen Russen, mit dem der Fürst gerade jetzt zur Komtesse von Ralphen trat. Ihm war es fast, als ob Melanies Auge über die Schulter des Fremden ihn gesucht habe – aber er hatte sich doch wohl geirrt, oder die neue Bekanntschaft nahm sie so in Anspruch, daß sie des alten Freundes nicht weiter gedachte. Wie süß und lieb sie den jungen Fremden anlächelte, und wie leichtherzig tändelnd das schöne Mädchen, als der Fürst sie sich selber überlassen hatte, mit ihm den Salon hinunterschritt.
»Cher comte! Sie schneiden ein ganz verzweifelt finsteres und festwidriges Gesicht,« lächelte in diesem Augenblicke ein kleiner, schmächtiger, mit Goldstickereien und Orden fast bedeckter Herr, der, den dreieckigen Hut unter den Ellbogen gedrückt, seinen Arm vertraulich in den des Grafen schob.
Es war eine eigentümliche, und, einmal gesehen, kaum wieder zu vergessende Persönlichkeit, dieser Herr von Zühbig, dessen Gesicht mit dem tief hinabgedrehten, schwarzen Schnurrbart, wie den hinaufgezogenen, etwas starken Augenbrauen den unverkennbaren Ausdruck trug, als ob er permanent über irgend einen Gegenstand sein äußerstes, aber auch untertänigstes Bedenken ausdrücken wolle. Der Mann sprach auch eigentlich nie, er lispelte nur, und lispelte dabei so süß, so lieb, so herzlich, recht aus tiefster Seele, daß man ihm zuletzt den Schnurrbart gar nicht mehr glaubte.
»Habe ich wirklich so ein finsteres Gesicht gemacht, Herr Intendant?« sagte Geyerstein, sich zu ihm wendend.
»Entsetzlich!« rief der Höfliche, und die Augenbrauen berührten fast das wohlgelockte und geölte Haar.
»Dann denunzieren Sie diesen Verstoß gegen die Etikette um Gotteswillen nicht dem Zeremonienmeister. Uebrigens gebe ich Ihnen die Versicherung, daß es nur ganz in Gedanken geschehen sein kann, ohne den geringsten Grund, denn ich dachte wirklich eben nur an ganz gleichgültige, unbedeutende Sachen.«
»Apropos, Herr Graf, haben Sie die neue Robe unserer Allergnädigsten schon bewundert? Sie ist wirklich magnifique.«