»Ach, das ist herrlich!« rief die Komtesse Rosalie, Melanies jüngere Schwester, »das muß die Kunstreiter- und Seiltänzergesellschaft sein, Monsieur Bertrand mit seiner Truppe, der seine Tour durch die Residenz macht, um sich dem Publikum vorzustellen. Letzte Woche hat er auf dem hochgespannten Seile getanzt, und diesen Abend wird die erste Vorstellung in dem erst heute fertig gewordenen Zirkus sein.«

»Du bist ja sehr genau unterrichtet,« lächelte Melanie. »Haben Sie diesen Monsieur Bertrand schon gesehen, Herr Graf? Er soll in seiner Kunst ganz Ausgezeichnetes leisten.«

»Noch nicht, Komtesse,« erwiderte der junge Mann. »Ich liebe derartige Kunststücke nicht, und das Seiltanzen vor allem ist mir das Verhaßteste, Entwürdigendste für den Menschen.«

»Und weshalb? Gehört nicht ein außergewöhnlicher Mut dazu, um sein Leben in schwindelnder Höhe auf dem schwanken Seil zu wagen?«

»Es ist das kein Mut mehr, den ich in dem Manne gewiß ehren würde,« erwiderte der Rittmeister, »sondern nur eine verzweifelte Tollkühnheit, welche Glieder und Leben um wenige Taler, oft um Groschen preisgibt; ja nicht selten sogar kaum mehr als feige Furcht, durch Arbeit eine Existenz erringen zu müssen, die jedenfalls ehrenvoller wäre als solch ein Dasein.«

»Sie urteilen zu streng.«

»Ich glaube kaum. Es ist wenigstens meine Ueberzeugung.«

»Und doch fühlen sich die Menschen glücklich in ihrem Berufe.«

»Das kann ich mir kaum denken,« erwiderte kopfschüttelnd der Graf. »Aeußerlich mag es allerdings so scheinen; wer sie aber beobachten könnte, wenn sie sich unbeachtet wissen, möchte doch wohl ein anderes Urteil über sie fällen. Aber da kommen sie; ich kann wenigstens die wallenden Federn des Baretts oder Helms erkennen.«

Hunderte von Menschen drängten indessen lachend und erzählend vorbei, mit dem Zuge zu gehen und den Marsch mit anzuhören, den das gemietete Musikkorps blies, während andere wieder stehen blieben, die wunderlich gekleideten Gestalten an sich vorbei passieren zu lassen. So etwas sahen sie nicht alle Tage.