Und macht es nicht einen gar eigentümlichen Eindruck auf den Zuschauer, plötzlich, in dem wirklichen, bestimmt ausgesprochenen Alltagsleben, das ihn nach allen Seiten umgibt, und in dem ihn das geringste Außergewöhnliche schon störte, ja selbst im hellen, lichten Sonnenschein phantastisch aufgeputzten und geschminkten Menschen zu begegnen? Die unteren Schichten der Bevölkerung, mit den Kindern, freuen sich allerdings darüber. Sie sehen nur die äußere Hülle, das Flittergold und die wallenden Federn, die gestickten Wämser und bunten Farben. Den Gebildeten überkommt bei solchem Anblick aber fast immer ein eigenes unbehagliches Gefühl – nicht der Bewunderung etwa, sondern eher des Mitleids mit den Unglücklichen, die solcher Art, in ihrem glänzenden Elend, äußerlich stolz und guter Dinge, doch nur – »an der menschlichen Gesellschaft vorüber – den Pranger reiten.«

Weit anders ist es mit der Bühne. Hier wird uns ein abgerundetes und in sich fest stehendes Kunstwerk von Künstlern vorgeführt, und die phantastischen Trachten, die durch die Kulissen ihren wahren Hintergrund, durch die Lichter ihre richtige Beleuchtung erhalten, stören uns nicht, ja, sind sogar nötig, die Täuschung zu vollenden, die uns in andere Zeiten, andere Sitten versetzen soll. Ich rede hier freilich nicht von jener Entweihung der Kunst, dem neu aufgekommenen Unfug der Sommertheater, die zu den »Kunstreitern« schon den Uebergang bilden. – Hier dagegen, wo die Häuser, in denen wir selber wohnen, den Hintergrund formen und wir in eigener Person, sobald solche abenteuerliche Gestalten zwischen uns und aus ihrem Rahmen heraustreten, Mitspieler in dem Drama werden, schaut uns der Ernst des Lebens nur so viel greller aus solchem Spottgebild entgegen.

Aber ähnliche Gedanken erfüllen schwerlich die Herzen der lärmenden Schar, die gerade jetzt die Straße heraufgezogen kam, bis dicht am Café francais vorüber, von wo aus man den bunten Trupp vollkommen gut übersehen konnte. Wenn auch das Volk – Arbeiter, Kindermädchen und Müßiggänger – einen festen Wall an der Seite bildete, so ragten die berittenen und phantastisch geschmückten Gestalten doch über die Köpfe dieser hoch hinaus. Voran ritten dem Zuge zwölf Trompeter in roten, abgetragenen und verschossenen, mit unechten Borden besetzten Uniformen, ungeschickte, hohe Tschakos mit roten und weißen Federbüschen auf dem Kopfe, und bliesen einen schmetternden Marsch. Der Zug wollte gesehen werden, und je mehr Lärm sie deshalb machten, desto besser. Unmittelbar hinter diesen folgte der Herr der Schar, der berühmte Monsieur Bertrand, in einem reichbesetzten, schwarzsamtnen Waffenrock, ein schwarzes Barett auf dem Kopfe mit wallenden schneeweißen Straußenfedern, die von einer mit jedenfalls unechten Steinen besetzten Agraffe gehalten wurde. Es war eine hohe, männliche Gestalt, mit edlen Zügen, so weit sich diese nämlich unter dem nach vorn gerückten Barett und dem vollen Bart erkennen ließen. Ernst und schweigend blickte der Reiter aber auf den Kopf seines Rappen nieder, der unter ihm sprang und tanzte; weder nach rechts noch links schaute er hinüber und schien die ihn umtobende, jauchzende Menge so wenig zu hören, als ob er allein durch eine Wüste ritte.

Den Gegensatz zu ihm bildete ein wunderschönes Weib an seiner Seite. Eine wahrhaft junonische Gestalt, mit Augen voll Glut und Leben und in feuerfarbene goldgestickte Seide gekleidet, bändigte sie den wilden Fuchs, den sie ritt, doch mit der kleinen Hand so kräftig und hielt ihn so fest im Zügel, daß er seinen Platz innehalten mußte, er mochte wollen oder nicht. Dabei neigte sie sich mit holdem Lächeln bald hier, bald da hinüber, einem oder dem andern der Grüßenden zu danken, und nichts entging dem scharfen Blick der kühnen Reiterin.

Die Gesellschaft, die bis dahin in der Veranda des Cafés gesessen, war aufgestanden, um den Zug besser übersehen zu können, und Komtesse Melanie sagte jetzt: »Das ist die sogenannte schöne Georgine, die Frau des Seiltänzers. Sehen Sie nur, Herr Graf, wie sie so keck nach uns herüberschaut.« Ihr Nachbar erwiderte kein Wort, und als sie sich erstaunt nach ihm umwandte, hielt er den Blick fest und starr auf die Gruppe geheftet – ja, es schien ihr fast, als ob alles Blut seine Wangen verlassen hätte.

»Ei, ei, Herr Rittmeister!« flüsterte die schöne Komtesse, während ihr ein Gefühl durch das Herz zuckte, von dem sie sich selber keine Rechenschaft geben konnte oder wollte, »wie mir scheint, haben sie dort drüben eine alte Bekanntschaft entdeckt.«

»Ich glaubte es im Anfange, Komtesse, aber ich habe mich geirrt. Es war nur eine Aehnlichkeit, wie man sie ja so oft im Leben findet.«

Wildes Jauchzen und Geschrei, sowie Lachen und Jubeln der Masse übertönte in diesem Augenblick seine Worte, denn hinter dem Zuge, der gerade jetzt vorüber war, kam der Hanswurst der Truppe in buntscheckigem Anzuge, die weiße spitze Filzmütze auf dem Kopf, das Gesicht auf die grellste Weise bemalt, auf einem kleinen Pony nachgeritten. Auf diesem aber führte er die groteskesten Künste aus: bald stand er auf dem Kopf, bald überschlug er sich, bald war er unten und fuhr mit seiner Pritsche unter die kreischend zurückdrängende Straßenjugend, während er im nächsten Augenblick wieder rittlings auf seinem Tiere saß und den Nachspringenden Gesichter schnitt. Das Volk schrie und jauchzte dabei vor Vergnügen, und selbst die in dem Gedränge mitgehenden Polizeidiener vergaßen für kurze Zeit ihren sonstigen Ernst und lächelten.

Mit dem Hanswurst wogte aber auch der Menschenschwarm vorüber, und wie die Trompeten in weiter Ferne verklangen, nahm die Straße wieder ihren früheren ruhigen Charakter an. Ein paar Freundinnen der Komtesse Melanie, die sich ebenfalls vor dem Gedränge hierher geflüchtet hatten, beschäftigten die junge Dame jetzt vollkommen, da es galt, den Besuch der heutigen Vorstellung Monsieur Bertrands zu bereden. Außerdem ging das sehr interessante Gerücht, das die beiden Damen mitbrachten, der tollkühne Mensch habe sich erboten, zwischen den Türmen der Katharinenkirche ein Seil zu spannen und dort oben seine Künste zu zeigen. Der Magistrat hätte es aber bis jetzt noch nicht gestattet, und man glaubte, er wolle sich deshalb an den Fürsten selber wenden.

Der Kriegminister von Ralphen, der versprochen hatte, seinen Töchtern hier zu begegnen, kam jetzt ebenfalls die Straße herunter und ging, als er den Rittmeister von Geyerstein erkannte, auf ihn zu, um ihn zu begrüßen.