»Ach, Papa,« bat die Komtesse Rosalie, die sich schmeichelnd an seinen Arm hing, »heut' abend ist die erste Vorstellung Monsieur Bertrands im Zirkus, und es soll so hübsch werden. Dürfen wir hin?«

»Recht gern, mein liebes Kind,« sagte der alte Herr freundlich, indem er ihre Stirn streichelte, »und deine Mutter wird euch gewiß begleiten. Ich selber bin leider durch eine Sitzung verhindert, die meine Zeit wenigstens bis neun Uhr in Anspruch nimmt, und doch möchte ich euch nicht gern ohne männlichen Schutz an solchem Platze wissen.«

»O, dann begleitet uns Graf Geyerstein!« rief die lebhafte Rosalie, halb bittend, halb fragend zu dem Rittmeister aufschauend. »Ich habe überdies ein Vielliebchen von ihm gewonnen, das er noch einlösen muß, und setze es jetzt zum Pfand.«

»Sie sind zu gnädig, Komtesse,« lächelte mit einer leichten Verbeugung der junge Mann, »mir eine solche Ehre als Buße aufzuerlegen. Ich stehe natürlich den Damen mit Vergnügen zu Diensten – wenn Exzellenz es gestatten.«

»Ich bin Ihnen dankbar dafür, lieber Geyerstein,« nickte ihm der alte Herr zu, »und da es gerade mit der Zeit zusammentrifft, so speisen Sie heute mittag bei uns, und fahren dann mit den Damen nach dem Diner hinüber in den Zirkus. Das wäre also abgemacht, Kinder, und da sich die Menge jetzt verlaufen hat, denk' ich, wir gehen nach Hause. Es ist spät geworden, und eure Mutter wird euch erwarten.«

2.

Mitten auf dem breiten Landgrafenplatz stand eine mächtige runde bretterne Bude, von deren spitzer Zinne die französische Trikolore wehte. Das Innere derselben war übrigens geschmackvoll dekoriert und mit Gas erleuchtet, und an der Kasse für den ersten und zweiten Platz saß ein bildhübsches junges Mädchen, die Billetts auszugeben. – Nur etwas zu hell fiel das Gaslicht auf die leicht geschminkten Wangen und die nachgemachten, an einigen Stellen schon etwas zerknickten Blumen, die ihren Kopfschmuck bildeten.

Das Publikum beteiligte sich indessen sehr bedeutend an diesem ersten Abend, für den auf riesengroßen, farbigen Anschlagzetteln Außerordentliches versprochen worden. Die dritte Galerie war schon eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung bis in ihre letzten Räume gefüllt, während noch umsonst nach Billetts rufende Scharen vor dem Schiebfenster unter der schmalen, dort hinaufführenden Holztreppe standen.

Auch die erste und zweite Galerie füllte sich rasch, und manche Equipage fuhr sogar vor, der Damen in glänzender Toilette entstiegen. Monsieur Bertrand, über den man sich in der Residenz die abenteuerlichsten Dinge erzählte, war eben Mode geworden, und da es gerade in dieser Zeit, besonders in den höheren Kreisen, an Stoff zur Unterhaltung fehlte, so wollte niemand versäumen, ihn zu sehen.

Oben auf der über dem Eingange für die Pferde angebrachten Tribüne hatte sich das Musikkorps gesammelt, das heute morgen auch den Umzug durch die Stadt anführen mußte, und die Leute stimmten ihre Instrumente und tranken Bier dazu. In der Reitbahn selber, die durch einen improvisierten Kronleuchter und zahlreiche Flammen an den Seitensäulen reichlich erhellt wurde, kehrten eben ein paar Stallknechte den Kreis, und ein Mann in hohen Kanonenstiefeln und einem Reitfrack, eine lange Peitsche in der Hand, kam herein, um zu sehen, ob alles in Ordnung wäre.