»Es war dein guter Engel, der dich zurück in unsere Arme führen wollte.«
»Möglich,« sagte Georg, scheu den Kopf abgewandt, »aber – ich hielt ihn für meinen Teufel und suchte mich für immer von ihm zu befreien.«
»Doch,« hauchte Georg, »der Menschengeist ist erfinderisch, und – ich fand ein Mittel. Ich lernte damals Georginen kennen, das schönste Weib, das ich je gesehen, und – heiratete sie.«
»Es geht hier ein Gerücht in der Stadt,« sagte der Graf, »daß Georgine die Tochter eines französischen Edelmannes sei, die du aus einem Kloster auf abenteuerliche Weise entführt haben solltest. Ist das begründet?«
»Eines französischen Edelmannes?« erwiderte mit finster zusammengezogenen Brauen und bitterem Lächeln der Kunstreiter. »Du hast ihren Vater gesehen – er ist Hanswurst bei unserer Truppe, dem niedrigsten Pöbel entsprungen, in dem er schwelgt.«
»Also doch!« seufzte Wolf aus tiefster Brust.
»Du siehst, daß es mir gelungen ist, mir den Rückweg für alle Zeiten abzuschneiden,« fuhr sein Bruder fort. »Ich wußte, daß ich mit dieser Heirat mich für immer von allem, was mich noch im alten Vaterlande hielt, was mich dahin zurückzog, losriß, und einmal den Schritt getan, und ich war frei. Von dem Augenblicke an war ich Kunstreiter, war ich Seiltänzer mit ganzer Seele. Toller und rücksichtsloser aber trieb ich es als bisher; meine Keckheit wurde zum Sprichwort, die Leute kamen meilenweit, meine halsbrechenden Künste zu sehen und anzustaunen, und – der Ehrgeiz, der Stolz des Edelmannes versank in dem des Luftspringers. – Da hast du meine Geschichte, kurz und einfach bis zur heutigen Stunde, und nun laß mich fort. Daß Du mich erkannt, ist mir ein Beweis der Gefahr, der ich mich hier in Deutschland aussetze, wieder einmal einem der früheren Kameraden zu begegnen. Der Gefahr will ich nicht preisgegeben sein, und weniger meinet-, als eurethalben. Ich kehre nach Frankreich zurück, um Deutschland nicht wieder zu betreten. – Vielleicht gehe ich nach Amerika mit meiner Truppe, denn dort bin ich ganz sicher. Eine Frage nur beantworte mir noch, Wolf, und glaube mir, daß dein Wiedersehen dabei, du treues Herz, den einzigen Lichtblick auf meinen dunkeln Lebenspfad geworfen, an dem ich viele, viele Jahre zehren werde – wie geht es – der Mutter?«
Er hatte sich abgewandt und die letzten Silben so leise gesprochen, daß sie kaum zu dem Ohr des Bruders drangen.
»Denkst du noch an unsere Mutter, Georg?« fragte Wolf, seine Hand ergreifend und seinen ängstlichen Blick fest auf ihn geheftet.