»Glaubst du, daß ich sie je vergessen könnte?« erwiderte der Unglückliche, »o, wenn ich sie noch einmal sehen, mein müdes Haupt noch einmal an ihr treues Herz pressen könnte...«
»Armer, armer Georg!« seufzte Wolf, »und mit dem nagenden Wurm in der Brust willst du wieder hinaus? – Bleibe bei uns. Noch ist es möglich, daß du die Mutter wiedersiehst, ohne ihr das Herz zu brechen. Noch ist es möglich, daß du dem Leben, der Gesellschaft zurückgegeben würdest – aber du mußt wollen!«
Georg sah staunend zu ihm auf. »Jetzt noch?« sagte er, »jetzt, nachdem ich dir erzählt, daß der Hanswurst mein Schwiegervater, daß Georgine, die Kunstreiterin, die nur im Zirkus lebt und atmet, mein Weib ist?«
»Selbst jetzt noch,« erwiderte fest der Bruder, »aber du mußt wollen; du mußt das alte Leben mit Gewalt von dir abschütteln, mußt die deinen zwingen, sich dem zu fügen, und glaube mir, nach einem einzigen Jahre habe ich dich dem bürgerlichen Leben, habe ich dich uns, der Mutter wiedergewonnen.«
»Aus dem Kunstreiter wolltest du wieder einen Grafen machen, Wolf?« sagte Georg, traurig dazu mit dem Kopfe schüttelnd; »ins bürgerliche Leben einzutreten, wäre möglich, was sollte mich daran hindern? denn ich bin mir keiner schlechten, unehrenhaften Tat weiter bewußt, als der, die ich im jugendlichen Leichtsinn verübt. Aber meinen früheren Rang habe ich verscherzt, und selbst der Bürger, der vielleicht mit dem früheren Monsieur Bertrand gern verkehren möchte, würde er sich nicht scheu zurückziehen, wenn er den Hanswurst mit in den Kauf nehmen müßte? Nein, Wolf, nein; es geht nun und nimmermehr. Mit nur zu sicherer Hand habe ich mich selber ins Leben getroffen, und ich bin und bleibe für euch verloren. Beantworte mir jetzt noch eine Frage, und dann laß mich ziehen. Dir selber bleibe ich trotzdem ewig dankbar für die brüderlichen Worte, die du zu mir gesprochen. Wie geht es unserer Mutter, und hat sie aufgehört, den toten Georg zu beweinen?«
»Kräftig und wohl ist sie,« erwiderte Wolf, »und in den letzten Jahren besonders hat sie sich wunderbar wieder erholt. Dein Verlust, Georg, hatte sie schwer niedergebeugt, und als die wenn auch unbestimmte Kunde deines Todes zu uns kam, da hat sie jahrelang nicht mehr gelacht, und ging gebeugt, gebrochen still umher. Du warst von je ihr Liebling gewesen, und dein Verlust hat sie bitter, bitter geschmerzt. Jetzt scheint die Zeit jene Wunde in etwas vernarbt zu haben; sie ist wieder heiter geworden, und nur die Tage, die dein Gedächtnis lebhafter als andere wecken, wecken auch damit den Schmerz aufs neue.«
»Und wenn sie wüßte, daß ich lebte – daß ich so lebte – sie würde mir fluchen und sterben.«
»Sie würde sterben, Georg,« sagte der Bruder tief bewegt, »aber nie dir fluchen. Du weißt nicht, wie viel Liebe in einem Mutterherzen Raum hat – und wie wenig Haß. Aber denke, Georg, wie glücklich, wie unsagbar glücklich du sie machen könntest, wenn du zurückkehrtest.«
»Aber wie kann ich, Wolf? – wie kannst du, der so genau die Sphäre kennt, in der ihr Leben, in der das deine liegt, nur an die Möglichkeit eines solchen Rückschrittes glauben?«
»So höre,« sagte Wolf, »was ich mir ausgedacht. Ich habe gestern mit deiner Frau, mit Georginen gesprochen, wenig nur, doch vielleicht genug, mich einen Blick in ihren Charakter tun zu lassen, und muß dir gestehen, daß der mir nicht geeignet schien, meine Pläne zu fördern. Dem festen Willen des Mannes aber ist alles möglich, und die Frau soll und muß sich fügen, besonders noch, wenn alles nur zu seinem, zu ihrem Heil selber führt. Deshalb habe ich den Mut auch nicht verloren, und selbst dem Vater kann Gelegenheit geboten werden, sein früheres Leben zu vergessen, ungeschehen zu machen.«