»Auf meine Ehre – in Männerkleidung. – Oben im Zimmer hatte sie ihr glattes Gesicht, und als sie unten aus dem Hause trat, einen Schnurrbart. Sie kam mir gleich bekannt vor, aber ich konnte mich doch nicht recht besinnen, wo ich das hübsche Gesicht schon gesehen hatte, merkte mir aber die Nummer der Droschke, in die sie stieg, und als ich heute nachmittag dieselbe Droschke wiederfand, nannte mir der Kutscher auf meine Frage ohne weiteres das Haus, wohin er den jungen Herrn gefahren.«

»Und das war?«

»Die Rose, wo die Kunstreiter wohnen.«

»Meine Güte! die Komtesse reißt die Klingelschnur ab!« rief in diesem Augenblick Annette, erschreckt zusammenfahrend. Unten klingelte es in der Tat heftig, und sie wollte sich von Franz freimachen. Ohne den versprochenen Lohn kam sie aber nicht davon, Herr Franz nahm sie im Nu beim Kopf, und: »Sie böser Mensch!« sagte die Schöne, als sie sich endlich glücklich von ihm befreit, und, ihre Frisur wieder in Ordnung bringend, die Treppe, so rasch sie konnte, hinabeilte. Herr Franz aber blieb noch eine Weile dort, wo sie ihn verlassen, stehen und schaute ihr, sich vergnügt dabei die Hände reibend, nach, bis sie im Gange unten verschwunden war. Dann stieg er selber, langsam und behaglich, die Stufen hinauf, den ihm gegebenen Auftrag nach seiner Bequemlichkeit auszuführen.

Es schlug acht; einzelne Equipagen fuhren vor; die Familie des Kriegsministers war unten im Salon versammelt, die nach und nach eintreffenden Gäste zu empfangen, und die Dienerschaft kam herbei, um den Tee, den die alte Exzellenz eigenhändig bereitete, herumzureichen. Komtesse Melanie stand neben ihrer Mutter und unterhielt sich mit dem eben eingetretenen Grafen Selikoff; aber sie sah bleich und angegriffen aus, und nur einmal färbte ein leichtes Rot ihre Wangen, als ihr Blick, neben dem jungen Manne hinstreifend, auf den eintretenden Grafen Geyerstein traf. Aber es schwand, so rasch wie es gekommen, und kalt und förmlich dankte sie der Verbeugung des sonst so willkommenen, ja oft heimlich ersehnten Gastes.

Dem jungen Grafen konnte diese Veränderung in dem Benehmen des ganzen Wesen Melanies nicht entgehen, aber die Gesellschaft selber gestattete ihm auch nicht, sie darum zu befragen. Der alte, freundliche Herr von Ralphen, der dem gern gesehenen jungen Manne so herzlich entgegentrat wie früher, nahm ihn vor allen Dingen in Beschlag, um ihn mit einigen anderen fremden Offizieren bekannt zu machen, und er kam nicht eher wieder von ihm los, als bis der alte Herr seine Aufmerksamkeit auf die zu arrangierenden Spieltische wenden mußte. Graf Geyerstein selber spielte nicht und hatte dadurch die beste Entschuldigung, sich von ihm zurückzuziehen. Ehe er aber seinen Vorsatz, Melanie unter jeder Bedingung anzureden, zur Ausführung bringen konnte, lief er Ihrer Exzellenz, der Frau von Ralphen, in den Weg, die freundlich ihre ringbedeckte Hand auf seinen Arm legte.

»Aber, lieber Geyerstein, wo in aller Welt haben Sie nur die ganze Woche gesteckt? Man sieht Sie ja gar nicht mehr und muß Sie ordentlich mit Gewalt herbeiziehen, wenn man Sie wirklich einmal haben will.«

»Exzellenz sind zu gnädig, mich glauben zu machen, daß Sie mich vermißt haben,« sagte der junge Mann leicht errötend. »Sie mögen aber selber beurteilen, wie streng in dieser Woche unser Dienst gewesen sein muß, da ich genötigt war, die liebsten Menschen zu meiden.«

»Aber abends hätten Sie doch gewiß einmal Zeit gehabt. Sogar aus der gewöhnlichen Vorlesung sind Sie uns neulich weggeblieben, und Graf Selikoff hat an Ihrer Stelle lesen müssen, denn unsere Racine durften wir doch nicht im Stiche lassen.«

»Es würde mir unendlich leid tun, wenn ich die Ursache einer Störung gewesen wäre.«