»Das ist das wenigste – darüber beruhigen Sie sich. Rosalie hat Sie aber am meisten vermißt, denn sie brennt vor Begierde, Ihnen ihre neuen Zeichnungen vorzulegen.«

»Darf ich sie holen, Mama?« flüsterte ihr die junge Komtesse, die neben sie getreten war, rasch ins Ohr.

»Jetzt nicht, mein Kind,« lächelte die Exzellenz, »der Herr Graf hat jetzt mehr zu tun, als sich mit deinen Kunstprodukten abzugeben – aber, Fräulein,« unterbrach sie sich plötzlich, mit einem strengen Blick nach einer jungen Dame hinübersehend, die unfern von ihnen, den Blick fest auf die Gruppe geheftet, stand, »Sie vergessen Ihr Amt – dürfte ich Sie bitten darauf zu achten, daß die Herrschaften Tee bekommen?« Und mit einer heimlichen, nicht ganz leidenschaftslosen Bewegung deutete sie dabei auf den Rittmeister, der sich indes zu Rosalien gewandt hatte und mit freundlichem Gruß zu dem jungen Mädchen sagte: »Lassen Sie sich nicht abschrecken, Komtesse, bringen Sie mir getrost ihre Studien. Die Gesellschaft soll mich nicht abhalten, mich recht herzlich über Ihre Fortschritte zu freuen.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, lieber Graf,« sagte das junge Mädchen, dessen Antlitz hohes Rot überflog und ihre lebendigen Augen noch viel lieblicher erhellte, »ich werde Sie auch nicht lange plagen, ich habe mich aber so darauf gefreut,« und mit leichten Schritten huschte sie durch den Salon, dem nächsten Ausgange zu, um die Blätter selber schnell herbeizuholen.

Die Exzellenz hörte diese kleine Unterredung nicht, denn ihr Blick haftete noch, und zwar lange nicht mit der Freundlichkeit, mit der sie vorher den Rittmeister angeredet, auf der jungen Dame, die schon bei ihren ersten mahnenden Worten tief errötend zusammengefahren war und sich rasch abgewandt hatte, ihre für den Augenblick versäumte Pflicht zu erfüllen.

Luise von Mechern, aus einem altadligen Geschlecht stammend, war durch die Empfehlung des ***schen Gesandten nach *** und in das Ralphensche Haus gekommen, wo sie die Stelle einer Gouvernante bei Rosalien und ihrer jüngsten, erst siebenjährigen Schwester ausfüllte und zugleich mit musterhafter Ordnung die Wirtschaft der nichts weniger als wirtschaftlichen Exzellenz führte. Luise von Mechern war ein liebes, bescheidenes und dabei höchst geistreiches, gebildetes Wesen, das jede Stellung im Leben vollkommen ausgefüllt haben würde. Aber ihr Körper hatte mit ihrem Geiste nicht Schritt gehalten, und einer Unvorsichtigkeit der Wärterin in frühesten Jugendjahren verdankte sie ein Uebel, das sie jetzt durch das ganze Leben tragen mußte. Ihr Gesicht war bildschön, ein wahrhaft griechisches Profil mit großen, sprechenden blauen Augen, dunklem vollen Haar und feinen, edlen Zügen, aber – ihre rechte Schulter war verwachsen und dadurch dem übrigen Körper nicht die nötige freie Entwicklung geworden. Wie bald vergaß man aber, sobald man näher mit ihr bekannt wurde, diesen körperlichen Fehler in all den geistigen Vorzügen, die ihr eigen waren, und welchen wohltätigen Einfluß übte sie dabei auf die Erziehung der ihr anvertrauten Kinder, ja durch ihren Umgang selbst auf Melanie aus! Die Töchter des Kriegsministers hingen auch mit treuer Liebe an dem jungen Mädchen, und Melanie besonders fühlte, welch ein wohltätiger Geist der Ordnung in ihr ganzes Haus gekommen sei, seit Luise von Mechern mit ihrem stillen, einfachen Wesen die Leitung desselben übernommen hatte. Nur Frau von Ralphen schien das nicht zu bemerken oder wenn sie es bemerkte, dies für der Ordnung gemäß zu halten. Daß die angenommene Gouvernante und Wirtschafterin ihre Pflicht tat, verstand sich von selbst; eine weitere Anerkennung blieb deshalb überflüssig. Frau von Ralphen war nicht etwa eine böse oder übermäßig strenge Frau – ihren Kindern gegenüber hätte sie sogar noch bedeutend strenger sein dürfen. Aber sie fühlte, daß sie in der Residenz eine sehr bedeutende Rolle spiele; sie wußte und war überzeugt, daß sie zu den »ersten Damen« des Landes gehöre, und dadurch stolz, rücksichtslos stolz gegen alle geworden, die unter ihr standen. Das gerade gab denn auch oft ihrem Betragen und ganzen Wesen eine Härte und Schroffheit, die unter anderen Umständen ihrem sonst wirklich weichen und guten Herzen fern geblieben wären.

Luise ertrug das aber mit einer wahren Engelsgeduld. Still und freundlich, mit der ihr eigentümlichen sanften und immer guten Laune, vermied sie jede Klippe, die zwischen ihr und der Exzellenz hätte zu einem Wortwechsel führen können, fügte sich ihren kleinen Eigenheiten, ohne sich selber je das geringste dabei zu vergeben, und erwiderte zugleich von ganzer Seele die Liebe, die ihr die Kinder entgegenbrachten. Nur in Gesellschaft, selbst bei einem einzelnen Besuche, fühlte sie sich gedrückt. Sie wußte, wie sehr sie mit ihrem Körper, dem raschen, oberflächlichen Urteil der Welt gegenüber im Nachteil war, und suchte es soviel als möglich zu vermeiden, dem zu begegnen. Darin unterstützte indessen die Exzellenz sie nicht; denn ob sie nun Luisen wirklich nicht entbehren konnte oder gar heimlich fühlte, daß durch die Gegenwart der unscheinbaren Gouvernante die Erscheinung ihrer eigenen Töchter gehoben würde – wer vermag im Innern eines menschlichen Herzens zu lesen? – aber Luise mußte stets und in jeder Gesellschaft erscheinen, und nur die dringendste Abhaltung oder wirkliches Unwohlsein konnte sie entschuldigen. Von den gewöhnlichen Gästen wurde sie aber selten oder nie beachtet. Die Damen besonders nahmen nie Notiz von ihr – es war ja nur die Gouvernante, wenn auch aus einer edlen, vielleicht edleren Familie, als sie selber, entsprossen. Nur Graf Geyerstein hatte sich gern und viel mit ihr unterhalten, in früheren Zeiten sogar manche Partie Schach, das sie meisterhaft spielte, mit ihr gezogen, und an Melanies Seite stundenlang ihrem seelenvollen Vortrage auf dem Piano gelauscht. Das alles nahm sie still und dankbar hin, zog sich nach solchen Abenden aber immer um so viel scheuer in sich selbst zurück. Dergleichen Abende waren aber auch in der letzten Zeit viel seltener geworden, ja hatten sogar in der letzten Woche ganz aufgehört, und vielleicht dachte Luise, als ihr Auge vorhin so ernst und fast traurig auf dem Grafen ruhte, jener Zeit – war er ihr doch indessen fast fremd geworden.

Und Graf Geyerstein? – er kam sich selber hier fast wie ein Fremder vor. – War es Melanies verändertes Betragen, über das er sich nicht täuschen konnte? – war es des Bruders Schicksal, das in der letzten Zeit seine Seele so erfüllt, ihn fast die ganze übrige Welt darüber vergessen zu lassen? – war es der fremde junge Russe, der, kaum hier eingeführt, sich mit einer Zuversicht und Sicherheit in diesen Räumen bewegte, als ob er selber schon seit Jahren des Hauses intimster Freund gewesen? – Er wußte es nicht – nur wie ein dunkler, unheimlicher Schatten lag es auf seinem Herzen, und die hell erleuchteten, menschenbelebten Gemächer kamen ihm tot, öde und einsam vor, als ob er hier allein gestanden hätte. Da tönte plötzlich ein helles, reines Lachen an sein Ohr. – Das war Melanies Stimme; unter Tausenden hätte er sie ja herausgekannt. Er wandte rasch den Kopf dorthin – der fremde Graf mußte ihr gerade etwas unendlich Komisches erzählt haben, denn ihr Antlitz strahlte vor Laune und Uebermut.

»Herr Graf,« flüsterte in diesem Augenblick eine leise Stimme an seiner Seite, und Luise von Mechern suchte ihn durch die Anrede auf den Lakaien aufmerksam zu machen, der mit dem Teeservice auf dem silbernen Teller bis jetzt vergebens bemüht gewesen war, dem Rittmeister die Erfrischung zu präsentieren. Der Graf sah aber nichts weiter als Melanies halb von ihm abgedrehtes glückliches Gesicht. Nur einen flüchtigen Blick warf er herum, der Anrede zu, und wandte sich, ohne das junge Mädchen, das schüchtern neben ihm stand, auch nur zu bemerken, mit einem einfachen »Ich danke« wieder ab.

Der Lakai balanzierte seinen Präsentierteller nicht ohne Geschicklichkeit weiter, zwischen den verschiedenen beweglichen Gruppen durch, und Luise selber schrak schüchtern zurück. Rosalie aber kam jetzt mit ihrer Mappe herbeigehüpft, und den Grafen am Arm nehmend, der sich ihr nicht entziehen durfte, führte sie ihn in ein kleines, etwas abgesondertes Seitenkabinett, dort ungestört seinen Beifall über die wirklich mit vielem Talent und fast nur unter der Leitung Luisens ausgeführten Skizzen einzuernten. Hier sollten sie aber nicht lange ungestört bleiben, denn Fräulein von Zahbern hatte den Grafen schon vorher nicht aus den Augen verloren und folgte ihnen bald, sich anscheinend den ausgebreiteten Zeichnungen Rosaliens mit größtem Interesse widmend. In der Tat aber suchte sie nur die Durchsicht derselben zu beschleunigen, und als die Komtesse, von der Anwesenheit der jungen Dame eben nicht erfreut, ihre Arbeiten wieder zusammenlegte und forttrug, ergriff Fräulein von Zahbern des Grafen Arm und flüsterte: »Aber sagen Sie mir nur um Gottes willen, Herr Graf, wollen Sie denn den Kampf ganz ohne Schwertstreich aufgeben?«