»Und hatte ich unrecht?« flüsterte Fräulein von Zahbern in des Rittmeisters Ohr, indem ihr Blick mit einer ihr sonst nicht unschönes Gesicht fast entstellenden Mischung von Zorn und Eifersucht das Paar verfolgte.

»Lassen Sie uns die Nationalhymne mit anhören, mein gnädiges Fräulein,« sagte Graf Geyerstein statt aller Antwort, indem er ihr den Arm bot und die erbitterte Schöne, ohne ihr Zeit zu einer weiteren Bemerkung zu geben, den Vorangegangenen nachführte.

8.

An demselben Abend, an welchem beim Kriegsminister von Ralphen die Soiree gehalten wurde, und während dort in den hell erleuchteten und wohlig durchwärmten, von Blumen duftenden, von sanften Melodien durchströmten Räumen fröhliche Menschen gesellig beieinander saßen, bereitete sich eine andere, von dieser sehr weit verschiedene Szene in der zweiten Etage der Rosengasse vor.

Die Vorstellung im Zirkus war beendet, und mit ihr die letzte, der Gesellschaft für diese Messe gestattete. Draußen auf dem Platze, als die letzten Menschen das hohe, runde Bretterhaus kaum verlassen hatten, arbeiteten, hämmerten und pochten schon wetterbraune Gestalten in Hemdsärmeln und Schurzfellen, um die Bude wieder abzuschlagen und sie so rasch als möglich von dem Platze, den sie mit ihrer bretternen Masse entstellte, zu entfernen.

Auch oben in dem Zimmer Georg Bertrands sah es aus, als ob der Eigentümer des Gemaches im Begriff sei, abzureisen, denn wild und unordentlich lagen alle möglichen Kostümstücke bunt zerstreut über Stuhl- und Sofalehnen, ja selbst über den Boden hin. Handschuhe, Hüte, Reitpeitschen, ja selbst andere Teile einer Damengarderobe bedeckten zum Teil den großen, runden Tisch, der in der Mitte der Stube stand, und waren nur zur Hälfte zurück- und zusammengeschoben, um dem durch die Hausmagd heraufgebrachten Abendbrot für drei Personen notdürftigen Raum zu geben. Die Luft in dem ziemlich geräumigen, aber sehr niederen Gemache war dabei schwül und dumpfig, und kaltgewordener Tabaksqualm, wie der warme Fettgeruch verschiedener Fleischspeisen diente nicht dazu, sie zu verbessern. Auf dem Sofa lag Demoiselle Josefine, Georginens siebenjährige Tochter. Das Kind war von der für seine Jahre übermäßigen Anstrengung erschöpft eingeschlafen, und der Schein der Lampe fiel, ohne die Schläferin zu stören, grell auf das bleiche, aber stark geschminkte, abgespannte Gesicht des Kindes.

Georg Bertrand war noch nicht nach Hause gekommen. Er mußte darauf sehen, daß vor allen Dingen seine Pferde gut gewartet, abgerieben und gefüttert wurden, ehe er selber an seine eigene Verpflegung denken konnte. Fremden Menschen, und noch dazu solch leichtsinnigem Volke, wie seinen Künstlern, durfte er das, wie er recht gut wußte, nicht überlassen. Georgine dagegen hatte eben das Zimmer betreten, aber ihr leichtes, luftiges Kostüm, mit dem sie in der letzten Piece als Elfe die Zuschauer entzückt, noch nicht abgelegt. Nur ein langer, leichter, grauer Mantel, den sie beim Nachhausegehen darüber geworfen, schützte sie gegen die kalte Nachtluft, und selbst hier, in dem fast schwülen Zimmer, hatte sie ihn noch nicht abgelegt, denn ihre Seele beschäftigte anderes, als die Veränderung ihrer Toilette. Unruhig und rasch schritt sie in dem breiten, niederen Gemache auf und ab. Die nackten Arme fest auf der unruhig wogenden Brust verschränkt, das Haupt gesenkt, auf dem die noch nicht abgelegten Blumen und Federn herüber und hinüber wehten, maß sie den engen Raum wieder und wieder und unterbrach ihre Schritte nicht einmal, als ihr Vater endlich, ebenfalls noch in seinem Hanswurstkostüm, ins Zimmer trat.

»Ist Georg noch nicht zu Hause?« fragte der Alte, indem er seine Kappe auf dem Kopfe rückte und sich mit der Hand durch die langen, schon dünnen und ergrauenden Haare fuhr.

»Nein,« lautete die kurze Antwort, und die Frau schritt, ohne nur zu ihm aufzusehen, an ihm vorüber.

Der Alte betrachtete sie eine Weile kopfschüttelnd, dann ging er zu dem Sofa, auf dem Josefine lag, und blieb davor stehen. »Hm,« sagte er hier, indem er einen alten, auf der Sofalehne hangenden Rock über die halbentblößten Glieder der Kleinen zerrte, »das Kind wird sich erkälten. Hat sie denn schon zu Nacht gegessen?«