»Es ist gut,« erwiderte der Mann, ernst mit der Hand abwehrend, »die Zeiten sind, Gott sei Dank, vorbei, denn du kennst mein früheres Leben nicht, weißt nicht, kannst nicht wissen, was ich gelitten und geduldet habe, um es zu vergessen. Jetzt endlich ist mir Rettung geboten; jetzt streckt sich mir eine Hand entgegen, mich zurück zu Sicherheit und Ruhe zu führen, und, beim ewigen Gott! ich will sie nicht undankbar von mir stoßen. – Du kennst mich, du weißt, daß ich durchführe, wozu ich einmal fest entschlossen bin; glaube also nicht, mich durch zornige Worte oder machtlose Drohungen schwanken zu machen. Auch dir bietet sich die Hand, auch für dich ist die Hilfe gemeint. Folge deshalb meinem Rat, – folge deinem Gatten – deinem Kinde, und stürze dich nicht wieder einem Leben entgegen, an dem du jetzt vielleicht Freude findest, in dem du aber doch mit der Zeit rettungslos untergehen müßtest.«
»Er hat recht, Gine,« sagte auch der Alte, der, ohne bis jetzt seine Stellung zu verändern, aufmerksam den Worten Bertrands gelauscht und nur manchmal langsam dazu mit dem Kopfe genickt hatte. »Wir alle werden nicht jünger, und ein solcher Schlupfwinkel für's Alter bietet sich nicht einem jeden von uns. Der rote Kaspar war zu meiner Zeit, wie ich noch in Bundhosen herumlief, ein so toller Hanswurst, wie es je einen gegeben hat: die Banden zahlten ihm damals schon sechs- bis siebenhundert Taler jährlich mit Kußhand, und er brauchte sich noch nicht einmal bei ihnen zu bedanken. Auf der Messe jetzt habe ich ihn mit einem abgeschnittenen Beine und einer Drehorgel und Mordgeschichten getroffen, und ich mußte ihm ein paar Groschen geben, daß er nur endlich einmal wieder, wie er meinte, etwas Warmes in den Leib bekäme. Ich selber habe nicht die geringste Lust, in meinen alten Tagen mit einer Drehorgel oder mit Fleckseife im Lande herumzureisen, Winter und Sommer draußen auf den Straßen zu liegen und den Bauernlümmeln die alten, schmierigen Rockkragen abzuseifen oder schreckliche Blutgeschichten vorzuleiern, in denen zuletzt immer die Polizei gelobt wird. Ich und der Karl, wir gehen mit. Der Karl soll auch Oekonom werden, daß er mir nicht den Hals bricht, wie sein Vater, was ihm der lahme Jörgen schon vor vier Jahren prophezeit hat.«
»Geh mit uns, Georgine,« bat da auch Bertrand, mit weit mehr Herzlichkeit, als er bisher zu ihr gesprochen. – »Versuche es nur einmal ein Jahr mit uns, und du wirst sehen, daß du gar rasch und freudig dich in den neuen Zustand findest. – Du kennst das stille, bürgerliche Leben ja noch gar nicht; weißt nicht, ahnst noch nicht einmal, welche Reize und Genüsse es bietet. Bleibe bei uns, bleibe bei deinem Kinde, dem doch kein Fremder je die Mutter wird ersetzen können.«
»Soll ich Komödie in deinem Familienkreise spielen?« fragte das schöne Weib höhnisch, in dem sie mit untergeschlagenen Armen vor dem Gatten stehen blieb.
»Nenne es die erste Zeit, wie du willst,« sagte Bertrand ruhig, »nur zu bald wirst du doch einsehen lernen, daß du nie mehr dein eigener Herr gewesen, als gerade in jenem einfach natürlichen Leben auf dem Lande!«
»Und glaubst du wirklich, daß du mich je zur Bäuerin machen könntest,« lachte Georgine, indem sie in Verachtung und Zorn die schön geschnittenen Lippen emporwarf, »ich hätte gedacht, daß du mich besser kennen solltest.«
»Und du willst mir wenigstens gestatten, den Versuch zu machen?«
»Nein – dreimal und tausendmal nein!« rief Georgine mit wieder aufloderndem Zorn, »bis ich nicht sicher weiß, daß die Gesetze dir wirklich erlauben, mir mein Kind zu stehlen. Ich zweifle nicht an der Möglichkeit, denn ihr Männer habt die Gesetze gemacht, und was gilt euch das Herz einer Mutter? Aber selber erfragen will ich erst die Schmach, und ist das sicher – gut – dann gehe ich mit euch. Von Josefinen kann, will ich mich nicht trennen, und über sie wachen werde ich dort, wie die Löwin über ihr Junges. Versucht es dann, sie mir abtrünnig zu machen.«
»Bah!« sagte der Alte, unwillig seinen Kopf schüttelnd, »schwatze keinen Unsinn; es will sie dir niemand stehlen, und Georg ist am kleinen Finger vernünftiger, als du am ganzen Leibe. Beschlafe die Geschichte; morgen wirst du vernünftiger darüber denken. Morgen halte ich dann auch Auktion mit dem Plunder hier oder werfe ihn am liebsten auf die Straße hinaus. Ich wäre doch wirklich neugierig, zu sehen, ob es noch solch einen Narren hier im Neste gäbe, der ihn aufhöbe. Jetzt macht, daß ihr zu Bett kommt. Es ist ein Uhr vorbei und mir sind alle Knochen im Leibe schon wie zerschlagen.«
Mit diesen Worten zündete er sich einen Stummel Talglicht an, der auf der Kommode stand, nahm seine Mütze wieder aus der Ecke hervor und verließ langsam, ohne eine »Gute Nacht« weiter für nötig zu halten, das Zimmer.