9.

Am nächsten Morgen saß Komtesse Melanie allein in ihrem Boudoir. Rosalie war mit Luisen ausgefahren – sie selber hatte sie nicht begleiten können oder wollen – und Kopfschmerzen, Unwohlsein vorgeschützt. Sie war in der Tat nicht wohl, wenigstens ganz ungewöhnlich aufgeregt und unruhig, und nahm bald ein Buch zur Hand, ein paar Seiten desselben zu durchblättern, bald begann sie an einer angefangenen Zeichnung, bald an einer Stickerei und schob nach wenigen Minuten alles wieder beiseite, um sich auf das Sofa zu werfen und ihren eigenen Gedanken nachzuhangen. So war es zwölf Uhr geworden, als es leise an die Türe klopfte und auf ihr Herein ein Diener eintrat, welcher meldete: der Herr Rittmeister von Geyerstein lasse anfragen, ob er der gnädigen Komtesse seine Aufwartung machen dürfe.

»Graf Geyerstein?« rief Melanie, fast erschreckt von dem Sofa emporfahrend. Die Ueberraschung dauerte aber nur wenige Momente, denn schon im nächsten Augenblicke wieder vollständig gesammelt, sagte sie ruhig: »Es wird mir sehr angenehm sein, führen Sie den Grafen herein!«

Wenige Minuten später hörte sie draußen den festen, klirrenden Schritt des Offiziers, und der Graf stand in ihrem Zimmer, ehe sie selber sich genug gefaßt hatte, ihn ruhig begrüßen zu können.

»Komtesse,« sagte der Rittmeister, sich förmlicher vor ihr verneigend, als er sonst als alter, gern gesehener Freund des Hauses getan, »Ihr Herr Vater trägt die Schuld einer Störung, wenn ich Ihnen eine solche verursacht habe, denn mein Dienst rief mich zu ihm, und da er für den Augenblick noch beschäftigt ist, war er so gütig, mich indes zu Ihnen herüberzuweisen – ich wäre sonst nicht so früh bei Ihnen erschienen.«

Eine rasche, freundliche Entgegnung lag schon auf Melanies Lippen, aber sie zwang sie zurück und sagte artig, aber lange nicht mit der gewohnten Zärtlichkeit im Ton und Ausdruck: »Mein Vater weiß recht gut, daß Sie uns immer willkommen sind, auch ohne die Entschuldigung, Herr Graf.«

»Aber auch ohne die Veranlassung hätte ich Sie heute noch aufgesucht, Komtesse,« nahm der Graf nach einer leisen Verbeugung wieder das Wort, indem er sich, einer einladenden Handbewegung Melanies folgend, auf einen Stuhl ihr gegenüber niederließ, »denn ich wollte mich auf einige Zeit von Ihnen verabschieden.«

»Sie wollen fort von hier?« rief Melanie schneller und mit weit mehr Teilnahme, als sie vielleicht zu verraten willens war.

»Nur auf kurze Zeit; auf eine, vielleicht auf einige Wochen; und zwar in Angelegenheiten, die meine Anwesenheit auf einer meiner Besitzungen dringend nötig machen. Ich habe dazu den Urlaub vom Fürsten erbeten und erhalten.«

Melanie sah zu ihm auf und vermochte keine Silbe als Antwort zu finden. Allerlei wunderliche, wirre Gedanken kreuzten ihr Hirn. Jetzt gerade wollte er fort? – jetzt, wo – sie durfte dem nicht weiter folgen – und so kalt, so förmlich nahm er jetzt Abschied, er mußte bemerkt haben, wie sie Graf Selikoff bevorzugte. – Und weshalb nicht? War sie nicht frei, zu tun, zu lassen, was sie wollte, war sie nicht von ihm, der so kalt und eisern vor ihr saß, schändlich, schmählich betrogen und verraten worden? – und wenn nicht? – – Auch der Graf schwieg; das Herz war ihm voll und schwer, und dem kalten, förmlichen Empfang des Wesens gegenüber, das er mehr als sein eigenes Leben liebte, hatte er sich bezwungen, hatte er ebenso kalt und ruhig von ihr scheiden wollen – scheiden vielleicht für ein ganzes Leben, indem sie sich von nun an nur als Fremde wieder begegnen sollten. Als er aber die Bewegung in Melanies Zügen sah, als ihm nicht verborgen bleiben konnte, daß die Jungfrau, so kalt und abgemessen sie sich auch gezeigt, doch vielleicht mehr, ja innigeren Anteil an ihm nehme, da raffte er sich selber auch empor, und mit bewegter Stimme sagte er: »Komtesse – Melanie – es ist in letzter Zeit etwas zwischen uns gewesen – was, weiß nur Gott – was aber nicht sein sollte.«