10.
Oben, inmitten des schönen Mecklenburger Landes, an einem der kleinen reizenden Seen, lag das nicht unbeträchtliche Rittergut Schildheim, seit undenklichen Zeiten schon einem alten Mecklenburger Geschlecht erb- und eigentümlich. Der letzte desselben heiratete eine Komtesse Geyerstein aus einer Nebenlinie im nordöstlichen Preußen, und um sie die Heimat nicht so sehr vermissen zu lassen, wurde damals das alte, durchaus neu restaurierte Gut ganz nach preußischer Art eingerichtet; ja sogar einen preußischen Verwalter und eine Wirtschafterin brachte die junge Frau mit dorthin, sowie Leute von ihren eigenen Gütern, und Schildheim hieß demnach und von der Zeit an in der Umgegend nur »das preußische Gut«. Der Besitzer starb, aber seine Witwe, eine Großtante Wolfs von Geyerstein, überlebte ihn noch viele Jahre, und als auch sie in der Familiengruft beigesetzt wurde, ging das Gut durch Erbschaft an Wolfs Mutter über.
Mit den Jahren hatte sich jetzt dort vieles verändert. Die Wirtschafterin war gestorben und eine andere aus dem Lande selber angenommen worden. Dann hatte ein Pächter das Ganze übernommen, und die preußischen, dazu gehörigen Familien verdingten sich teils auf anderen Gütern, teils hatten sie sich selber etwas erspart und einen eigenen kleinen Grundbesitz gekauft. Nur die Gebäude waren noch die alten und der Name »das preußische Gut« ebenfalls auf dem alten Herrensitze haften geblieben. Die Leute in der Nachbarschaft kannten es fast unter keiner andern Benennung, und doch verdiente sie das Gut schon lange nicht mehr. Von den eigentlichen, dort hinübergezogenen Preußen lebte in der Tat nur noch einer, der alte Verwalter, ein Mann hoch in die Sechzig aber mit noch rüstigen Kräften, der samt den Dienstleuten der seligen Besitzerin, und zwar als Ochsenjunge, herübergekommen war und sich durch Fleiß und ehrliches Betragen zu solchem Ehrenposten aufgeschwungen hatte. Das eigentliche Inventar aus ältester Zeit blieb aber eine andere, höchst eigentümliche Persönlichkeit, und das war der alte Forstwart, wie er dort überall hieß. Dieser, ein origineller Kauz, aber ein durchaus braver und rechtlicher Mann, hatte seine Karriere auf dem preußischen Gute von der Pike auf gemacht, das heißt vom Holzdieb bis zum Forstwart, wo er halten blieb, und jetzt, in seinem hohen Alter, eigentlich mehr das Gnadenbrot aß, als noch wirklichen Nutzen leistete. Dabei hing er an dem alten Platz, besonders an seinem Walde – denn um die Menschen bekümmerte er sich wenig oder gar nicht – mit einer Zuneigung, die man in dem sonst so abgeschlossenen und selbst scheuen Gesellen gar nicht gesucht haben würde.
Der Förster war allerdings sein Vorgesetzter, aber bekümmerte sich wenig um ihn und tat seine Pflicht, ohne ihn viel damit zu belästigen. Jener war auch gern damit zufrieden, wenn er nur den Holzfrevlern ein wenig auf die Finger sah und im Winter dem Raubzeug Fallen stellte, und zu beiden Beschäftigungen ließ sich niemand besser verwenden als der alte, für seine Jahre aber noch außerordentlich rüstige Forstwart Barthold. Die Frevler fürchteten nämlich den alten Mann weit mehr und gingen ihm weit sorgfältiger aus dem Wege, als wenn er der jüngste und kräftigste Forstgehilfe gewesen wäre, denn sie glaubten: er könne mehr als Brot essen, das heißt, er stände mit verschiedenen über- und unterirdischen Mächten im Bunde, was sich mit dem Seelenheil eines gewöhnlichen Christen nicht vertrug. Ging er doch auch in keine Kirche, und man erzählte sich von ihm im Dorfe die tollsten und abenteuerlichsten Geschichten – und doch gab es kaum ein harmloseres Wesen in der weiten Umgegend, als eben diesen braven alten Forstwart. Nur dem Raubzeug im Walde, den Füchsen, Mardern, Wieseln, Iltissen und wilden Katzen war er ein grimmer und schlauer Feind, weil sie Sicherheit und Leben seiner lieben Waldsänger, der Vögel, bedrohten.
Etwa zehn Minuten Weges – oder eine halbe Pfeife Tabak, wie die Bauern manchmal ihre Wege messen – von dem Rittergut Schildheim entfernt und dicht am Ufer des kleinen schilfbewachsenen Sees, lag ein sehr freundliches Dorf gleichen Namens mit einigen wohlhabenden Bauern, wie auch von den Arbeitern bewohnt, die auf dem Gute ihre Nahrung fanden. Dort war eben Kirchweih abgehalten worden, und die Bauern und Insassen feierten jetzt noch – gewissermaßen zur Erholung von den überstandenen Festlichkeiten – die Nachkirchweihe in einer Art von verlängertem blauen Montag. Die Köpfe wüst von vielem Tanzen und Trinken und den verschiedenen durchschwärmten Nächten, hatten sie noch keine rechte Lust, wieder zu ihrer regelmäßigen, steten Arbeit zurückzukehren und glaubten die Zeit denn natürlich nicht besser anwenden zu können, als wenn sie das früher begonnene Zechen ein klein wenig länger fortsetzten. Der arbeitsame Bauer ist schwer aus seiner altgewohnten, täglichen Beschäftigung herauszubringen; wenn aber einmal draußen, bekommt er sich selber auch nur äußerst schwer wieder hinein. – Er weiß das selber recht gut und läßt sich deshalb eben Zeit dazu.
Im Dorfe war ein ziemlich großes Wirtshaus: Zum Stern; denn die Chaussee führte um den See herum und wurde besonders stark von Fuhrleuten befahren, welche die Landesprodukte früher bis an die See nach Wismar, seit Einrichtung der Eisenbahn aber, mit noch viel lebendigerem Verkehr, nach der nächsten, etwa sechs Meilen entfernten Eisenbahnstation schafften. Der Stern bildete denn auch jetzt den Mittelpunkt, in welchem die Honoratioren des Ortes zusammenkamen, bei Wein oder Bier die Nachwehen der überstandenen frohen Tage zu vertreiben, und selbst der alte Verwalter vom Schloß, eigentlich kein Wirtshausgänger, war heute unter ihnen und saß mit einem Glase Wein vor sich am runden Tisch in der unteren Stube, denn kaltes, unfreundliches Wetter hatte die Gäste in das Innere des Hauses getrieben. Der alte Verwalter war aber eigentlich nicht bloß um zu trinken hergekommen, sondern er brauchte Leute aus dem Dorfe zur Arbeit, und wußte, wie schwer es hielt, sie selbst von der Nachkirchweihe fortzulocken. So willig sie sich auch sonst finden ließen, heute wichen sie ihm aus, und der alte Mann, der nicht hinter ihnen herlaufen konnte, hatte sich deshalb wie die Spinne hier mitten in das Netz gesetzt, wo sie ihm, wie er recht gut wußte, doch zuletzt anlaufen mußten. Neben ihm, ineinandergedrückt und schläfrig, saß ein anderer alter Gesell, der faule Tobias, wie sie ihn im Dorfe nannten. Er sah fast wie ein Müller aus, mit seinem hellblauen, weiß bestaubten Rock, war auch früher ein Müller, und noch dazu ein ganz tüchtiger, gewesen, und wohnte in der unteren Mühle, aber nur zum Auszug. Er hatte vor längeren Jahren Mühle wie Anwesen an seinen Schwiegersohn verkauft und sich nur, wie das häufig Sitte ist, seinen Auszug, das heißt Wohnung und Verpflegung bis zum Tode, vorbehalten, dann das Geld genommen und lustig damit gelebt, und jetzt hieß es allgemein, daß er wohl bald mit der erhaltenen Summe fertig sein müsse. Das aber kümmerte ihn gar wenig. Ohne die geringste Beschäftigung, war er den Vor- wie Nachmittag sicher im Stern zu treffen. Nur an warmen Tagen ging er manchmal mit der Angel an den Bach, aber er war selbst zu faul, Würmer zu suchen, besteckte seine Angel deshalb nur, legte sie ins Wasser und sich daneben in den Schatten irgend eines Baumes, und schlief so lange, bis er durstig wurde. Dann stand er auf, packte sein Angelzeug zusammen und ging wieder in den Stern, und die Leute im Dorfe nannten ihn so mit Recht den faulen Tobias.
Daß der Bursche nicht zum Arbeiten zu bringen war, selbst wenn er noch hätte arbeiten können, wußte der Verwalter recht gut, richtete deshalb auch kein Wort an ihn, und die beiden saßen eine Weile schweigend neben einander, wobei Tobias manchmal mit den rotgeränderten und feuchten Augen nach ihm hinüberblickte, und sich nur bewegte, wenn er sein Glas hob oder es von frischem füllen ließ.
»Na,« nahm da endlich Tobias das Gespräch auf, denn es verdroß ihn, daß ihn der Verwalter keines Wortes würdigte, »wird ja jetzt bald ein anderes Leben in dem alten Schlosse werden, he? – Kommt heute ein neuer Pachter hinein, der wahrscheinlich einmal ein bischen reine Bahn macht.«
»Möglich,« sagte Schönle, der Verwalter, trocken. »Euch wird er aber doch wohl nicht ändern können.«
»Mich? – ne – wäre auch schade,« lachte Tobias stillvergnügt vor sich hin, denn er wußte jetzt, daß er den Verwalter geärgert hatte, »bin so hübsch genug und muß nun auch so bis an mein Ende – das Gott der Herr mir und meinem Schwiegersohn zuliebe wohl noch ein paar Jährchen hinausschieben wird, – aufgebraucht werden; hehehe!«