Der Verwalter antwortete ihm nichts darauf, trank einen Schluck aus seinem Glas und sah ungeduldig nach der Tür. Die Gesellschaft gefiel ihm nicht, und er wäre gern aufgestanden, hätte er nur irgendwo anders einen passenden Platz gehabt. Der Alte merkte dies recht wohl, aber noch viel zudringlicher fuhr er fort: »Es hieß ja einmal eine Weile im Ort, der Herr Verwalter würden den Pacht selber übernehmen, he? Der gnädige Herr da draußen hat aber wohl nichts davon wissen wollen? Ja – ist eine alte Geschichte: der Prophet gilt nichts im eigenen Lande, hehehe!«

Damit hatte er übrigens, wie er recht gut wußte, des Verwalters wundesten Fleck getroffen; der alte Mann stand auch auf, trank sein Glas aus und sagte: »Ihr seid ein unverbesserlicher Schwätzer, Tobias, und ein so nutzloses Subjekt, wie je auf zwei Beinen herumgetaumelt ist. Wenn Ihr einmal nüchtern seid, will ich weiter mit Euch reden.« Und damit wollte er sich von dem höhnisch zu ihm aufschauenden Alten abdrehen, als die Türe aufgerissen wurde, und einer der Gutsknechte atemlos hereingestürzt kam.

»Sie sind da – sie sind da!« schrie der Bursche, ohne nur zu grüßen, den Verwalter an, »eben fahren sie die Allee hinauf – zwei Wagen hintereinander.«

»Alle Wetter!« rief der Verwalter erschreckt, »und ich sitze hier und verschwatze die Zeit mit dem – Lump da!« Und ohne weiter einen Blick zurückzuwerfen, fuhr er aus der Türe, sprang auf sein draußen angebundenes Pferd, das der Knecht rasch von dem eisernen Ringe löste, und sprengte, was dieses laufen konnte, den breiten Fahrweg hin, der nach dem Schlosse hinaufführte. Der alte Tobias sah ihm tückisch nach.

»Lump?« brummte er leise und grimmig vor sich hin, »na, warte, Alter, den Lump werde ich Dir gedenken, preußischer Dickkopf, der sich immer aus was besserem gemacht denkt! – Verwalterhacke, auf eine Ochsenjungenpeitsche gepfropft – wenn ich die Zeit nur noch erlebe, daß sie dich vom Hofe jagen. – Lump! – selber einer!« – und mit den giftig hervorgestoßenen Worten goß er den letzten Rest seines Kruges hinunter.

Oben im Schlosse ging es indessen lebhaft zu, denn mit Blitzesschnelle hatte sich die Nachricht von dem Eintreffen des Gutsherrn, wie des neuen Pachters, die eigentlich erst auf morgen angesagt waren, verbreitet. Die Leute sammelten sich rasch im Schloßhofe, und als die Wagen über die etwas morsche Brücke des sogenannten Teichgrabens rasselten, sprengte auch schon der Verwalter von der anderen Seite vor das Herrenhaus und behielt gerade noch Zeit, sein Pferd einem der Knechte zu übergeben und sich selber dem Pachter anzuschließen, um die Herrschaft zu empfangen. Die Wirtschafterin war allein nicht fertig geworden und in ihre Kammer hinaufgesprungen, wo sie in aller Hast und Eile den Schlüssel suchte, den sie schon von Anfang an in der Hand hielt, um eine reine Schürze vorzubinden und eine frische Haube aufzusetzen.

Die beiden Wagen hielten jetzt vor dem Herrenhause, der alte Verwalter sah aber kaum die beiden Herren und die elegant gekleidete Dame, die aus dem ersten stiegen und von dem Pachter auf das ehrfurchtsvollste begrüßt wurden. Sein Auge hing vielmehr an dem zweiten, in dem ein ältlicher Mann mit zwei Kindern saß. Hatte der neue Pachter sich seinen Verwalter gleich mitgebracht, und konnte er jetzt gehen, um sich auf seine alten Tage sein Brot wo anders in der Welt zu suchen? Den alten Mann überlief es siedendheiß; ein eigenes Zittern überkam ihn, und die fremden Gestalten flimmerten und zuckten ihm vor den Augen, daß er kaum imstande war, sie voneinander zu unterscheiden. Nur einen von ihnen allen kannte er schon, den Herrn Rittmeister von Geyerstein, der zuerst aus dem Wagen gesprungen war und der Dame jetzt die Hand bot, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein. Wie behend aber gerade die Dame von dem ziemlich hohen Wagentritt, nur leise die ihr gebotene Hand berührend, niedersprang! Der Pachter kam dadurch mit der Anrede ganz aus seinem Konzept, und der Rittmeister hatte seine Hand genommen und geschüttelt, ehe er imstande gewesen war, ihn zu begrüßen.

Auch die Insassen des zweiten Wagens stiegen jetzt aus, und das kleine Mädchen hatte zum Entsetzen der Mägde ebenfalls von oben herunterspringen wollen, aber der ältliche Mann, der bei ihnen saß, verhinderte sie daran, ließ erst den Wagenschlag öffnen und stieg dann langsam mit den Kindern aus.

»Da sind wir denn an Ort und Stelle,« sagte jetzt Graf Geyerstein, sich freundlich zu seinem Begleiter wendend, »und ich hoffe, daß es Ihnen hier recht gut gefallen wird. Die Gegend ist fruchtbar und nicht ohne landschaftliche Reize, der hier wohnende Menschenstamm einfach und bieder, und einzelne der Nachbarn sind vortreffliche Leute, so daß es sich hier im Notfalle schon leben läßt. Unser alter Pachter hat sich hier, so viel ich weiß, ganz wohl befunden.«

»Und würde den Platz im Leben nicht verlassen haben, Herr Graf,« sagte der Mann, »wenn nicht außergewöhnliche Umstände, wie Sie recht gut wissen, mich dazu genötigt hätten. Ich habe hier eine frohe und glückliche Zeit verlebt und viel Gutes genossen, und müßte ein schmählich undankbarer Mensch sein, wenn ich das leugnen oder auch nur verheimlichen wollte.«