»Unser trockenes Gespräch und Geschäft wird Sie gelangweilt haben,« sagte er, als er zu Georginen trat, ihr gute Nacht zu bieten, »aber morgen sind Sie dessen enthoben, und Ihr Gatte wird schon alles tun, was in seinen Kräften steht, Ihnen das Leben hier angenehm und lieb zu machen.«
»Herr Graf,« sagte das schöne Weib, indem sie aufstand und ihm entgegentrat, »ich bin schon einmal von Ihnen mit einer Bitte abgewiesen worden, aber jetzt weichen Sie mir nicht mehr aus. Fremde Ohren hören uns nicht, also beantworten Sie mir wahr und offen nur die eine Frage: wem verdanken wir den Anteil, den Sie uns gezeigt?«
»Madame...«
»Halten Sie es nicht für leere Neugierde,« fuhr die Frau fast bewegt fort, »es ist mehr als das. Sie haben sich uns mit einer Aufopferung gewidmet, die für einen Fremden unerklärlich ist. Sie sorgen für unser Wohl, wie kaum ein Bruder für uns sorgen könnte – Sie denken auf das Kleinste wie auf das Größte, Sie müssen sogar Bertrand mit Geldmitteln unterstützt haben, er wäre sonst nicht imstande, trotz dem, was uns noch von dem Verkauf der Pferde geblieben, und was ich genau taxieren kann, ein solches Anwesen, wie dieses, auf dem wir uns jetzt befinden, zu übernehmen, und so dabei zu leben, wie Sie es für uns in Absicht zu haben scheinen. Daß dem allen ein Geheimnis zugrunde liegt, haben Sie mir schon dadurch gestanden – daß Georg ein anderer ist, als er sich mir gezeigt. Sie mußten mir so viel eingestehen, denn Sie fühlten, daß es zu unwahrscheinlich bleiben würde, den Grafen als einfachen Freund und Protektor des Kunstreiters hinzustellen – auch unser Namenswechsel zeigt das an. Aber selbst dieser ist noch darauf berechnet, mich irre zu führen. Vollenden Sie deshalb – behandeln Sie mich nicht länger als eine Fremde – lassen Sie mich wissen, wem wir diese Aufopferung verdanken – welches der wahre Name und Rang meines Mannes ist, und ich werde dann alles, was in meinen Kräften steht, tun, Sie zu unterstützen. Verweigern Sie mir aber meine Bitte – wollen Sie mich als eine Fremde betrachtet wissen, so – könnte ich mich an nichts gebunden halten.«
»Georgine,« sagte Georg mit leisem Vorwurf im Ton, »ist es recht, daß du in den Mann, den du selber unsern Wohltäter nennst, mit solchen Fragen dringst?«
»Wohltäter?« rief das schöne Weib, sich stolz emporrichtend, »den Namen leugne ich. Der Wohltaten waren wir nie bedürftig, sind es noch nicht, denn frei wie der Vogel in der Luft zogen wir unsere Straße, erwarben, was wir gebrauchten, ja, mehr als das, und durften niemandem dafür danken, als unserer eigenen Kraft. Das auch ist es allein, was mir jetzt am Leben zehrt, daß ich nicht mehr mein eigen Brot verdienen soll, daß ich dem Manne – daß ich einem Fremden dafür danken muß.«
»Nicht doch, gnädige Frau,« sagte der Graf ernst, »so viel wie je werden Sie jetzt dazu beitragen müssen, Ihr Brot, wie Sie es nennen, zu verdienen. Bei einer solchen Wirtschaft ist nicht allein der Mann, der draußen die Felder baut, der Ernährer und Erhalter, sondern ebensoviel die Frau, die daheim den Viehstand überwacht, das ganze innere Hauswesen besorgt und in Ordnung hält. Glauben Sie mir, daß bei einem solchen Gute fast mehr von der Tüchtigkeit der Frau als von der des Mannes abhängt, und haben Sie auch noch in diesem Augenblick nicht alle dazu nötigen Kenntnisse, so wird es Ihnen, mit nur einigem guten Willen, nicht schwer fallen, sich die anzueignen.«
»Und weshalb nennen Sie mich gnädige Frau? Wir sind hier unter uns, und Sie wissen, daß mir der Titel nicht gebührt.«
Graf Geyerstein hatte mit sich geschwankt. Auf die erste, fast herzliche Anrede der Frau war er – uneinig mit sich, ob es zum Guten oder Bösen führen könne – schon fast geneigt gewesen, Georginen, gegen seine frühere Absicht, in sein Geheimnis einzuweihen. Ihre letzte, halb versteckte Drohung, ihr zorniges Auffahren jedoch zerstörte den guten Eindruck wieder, den ihre ersten Worte gemacht. Wer bürgte ihm dafür, daß die Frau nicht doch über kurz oder lang – und wenn sie wußte, wer ihr Gatte war – zu dem alten liebgewonnenen Leben zurückkehren könne, und dann war ihrem leichtfertigen Gutdünken das Geheimnis eines edlen Hauses unwiderruflich anvertraut. So viel aber fühlte er, etwas mußte ihr jetzt geboten werden, sie wenigstens vorderhand zufrieden zu stellen, denn sie durfte nicht gereizt und zum Aeußersten getrieben werden. Mit ruhiger Stimme sagte er deshalb: »Im Gegenteil, gnädige Frau, ich weiß, daß er Ihnen gebührt, Sie haben recht; ich kenne Ihren Gatten von früheren Zeiten her. Wir waren, wie ich Ihnen schon gesagt, Jugendfreunde, ich kenne seine Familie und weiß, wie unglücklich sich diese fühlen würde, ihn in eine Laufbahn geworfen zu sehen, die – Sie mögen dafür noch so sehr eingenommen sein – seinem Stande nicht entspricht. Ich selber versichere Ihnen aber jetzt, ich handle in dem, was ich scheinbar für Sie tue, nicht in meinem Namen allein, sondern in dem seiner Familie, in die Sie selber einst aufgenommen werden können – wenn Sie Ihr früheres Leben eben vergessen wollen. Denken Sie dabei an Ihr Kind – denken Sie, welchen verschiedenen Rang Josefine einst im Leben einnehmen wird, als Baronesse und als Kunstreiterin. Denken Sie daran, daß Sie jetzt noch imstande sind, durch Fleiß und Sparsamkeit ihr auch die Mittel dazu zu verschaffen, und ich bin überzeugt, Sie werden Ihre neuen Verhältnisse im Leben nicht allein mit anderen Augen ansehen, sondern Ihrem Gatten auch danken, der Mut und Selbstbeherrschung genug hatte, einem augenblicklichen und doch nur sehr zweifelhaften Ruhme zu entsagen, um in stiller Zurückgezogenheit für Sie und sein Kind zu wirken, und sich später mit seiner Familie wieder auszusöhnen.«
»Und seine Familie heißt in der Tat Geyfeln?« fragte Georgine gespannt.