12.
Auf Schloß Schildheim wurde jetzt ein Doppelleben geführt. Aeußerlich schien es, als ob nicht das geringste Außergewöhnliche vorginge. Was an Feldfrüchten noch draußen war, wurde nach und nach eingefahren. Die Knechte ritten morgens zum Ackern hinaus und kamen zum Mittagessen wieder heim – auf zwei Tennen wurde sogar schon gedroschen, um das junge Korn, das heuer noch einen guten Preis hatte, bald auf den Markt zu bringen. Wie die Welt draußen keinen Stillstand kennt, welchem Wechsel auch ihre einzelnen Teile unterworfen sein mögen, so ging das Wesen hier auch ruhig und ununterbrochen fort, welche wichtige Veränderung auch in der innern Verwaltung vorgehen mochte.
Das Dienstpersonal berührte das alles nicht; das schaffte und arbeitete unverdrossen weiter, denn der Lohn ging fort, die Arbeit mußte getan werden, unter wessen Leitung das Ganze auch stand, wer auch die Zügel in die Hände nahm. »Der König ist tot! es lebe der König!« Das alte Machtwort, wie dort im großen, so hier im kleinen, übte seine alte Kraft und Eigenschaft, und als am Abend des zweiten Tages der frühere Pachter sich in seinen Wagen setzte, die Leute grüßte und zum Tor hinausfuhr, hörten die Drescher einen Augenblick mit Dreschen auf und sahen ihm nach; als aber der Wagen um die Biegung verschwand, fielen die Flegel wieder klappernd im Takt ein, und der ganze Epilog, der ihm auf der Tenne gehalten wurde, war: »Glückliche Reise, Herr Pachter – bin jetzt nur neugierig, wie der neue einschlägt.«
Die ersten Tage vergingen so in dem Einrichten des neuen Pachters, und selbst Frau von Geyfeln – wie sich Georgine gar nicht ungern nennen hörte, war es doch nur eine neue Rolle, die sie spielte – fand Unterhaltung darin, sich von der alten Wirtschafterin, die gar geschäftig in den weitläufigen Gebäuden hin und her fuhr, in die Geheimnisse einer ländlichen Haushaltung einweihen zu lassen. Sie war dabei klug genug, der Frau zu verheimlichen, daß sie noch gar nichts von solchem Wirtschaftswesen verstand, und bei ihr vollkommen fremden Sachen fragte sie erst auf weiten Umwegen vorsichtig herum, bis sie zum Ziele kam und erfuhr, was sie eben wissen wollte. Frau Sibylle fühlte sich dabei außerordentlich geschmeichelt über das herablassende Benehmen der gnädigen Frau, die sich natürlich nur informieren wollte, wie die Sachen hier in ihrer Gegend gemacht und vorgenommen würden; denn jedenfalls hatten sie es bei ihr zu Hause ganz anders, nur lange nicht so gut und zweckmäßig betrieben. Die Wirtschafterin wollte sie auch überhaupt sehen, die so gute Käse machte wie sie, die solch fette Butter lieferte, deren Kühe so fette Milch gäben, und was das Trocknen von Obst, das Räuchern von Fleisch, das Einmachen von Kraut und Gurken betraf, da suchte sie ihren Meister. – Und wie vornehm sah die neue Frau Pachterin dabei aus! was für feine Hände hatte sie, und wie lief sie mit den blankgewichsten, papierdünnen Schuhchen so keck mit durch alle Ställe und in Milch- und Käsekammern, auf Rauch- und Trockenböden! Und kannte sie nicht schon am ersten Abend fast alle Kühe beim Namen nach der Reihe her? Selbst in dem Pferdestall, obgleich sie da eigentlich nicht hingehörte, war sie gleich am ersten Morgen gegangen und hatte gefragt, wie die Tiere behandelt würden und wie viel Futter sie bekämen – und vor den Pferden fürchtete sie sich nicht so viel! Georg indessen, der, wenn auch mit stiller, doch inniger Freude dem wirtschaftlichen Leben seiner Frau aus der Ferne zusah, hatte selber alle Hände voll zu tun, um die kurze Zeit zu benutzen, die sein Bruder noch bei ihnen auf dem Gute zubringen konnte, um soviel wie möglich von dem Verwaltungswesen eines solchen Gutes zu lernen. Die Zeit war doch so kurz und gar so mancherlei dabei zu erfragen, was sich durch Erfahrung gewöhnlich nur mit Schaden lernen läßt. Aber er hatte den festen, männlichen Willen, sich in dieses neue Leben einzuarbeiten, und Wolf war unermüdlich, ihm, was er selber wußte, darüber mitzuteilen.
Der einzige, der, wenn auch nicht teilnahmlos, doch vollkommen untätig dem ganzen Treiben und Schaffen zusah und alles ruhig an sich vorübergleiten ließ, war der Alte, Georginens Vater, der unter seinem wirklichen Namen Mühler eingeführt war, und auch keine weitere Auszeichnung beanspruchte, als daß man ihn eben zufrieden ließ. Er glich dabei einem Manne der nach harter Anstrengung und Arbeit längere Ferien angetreten und vorderhand auch weiter keinen Zweck hatte, als sich recht ordentlich und gründlich auszuruhen. Er schlief gewöhnlich bis morgens acht oder neun Uhr, frühstückte dann mit den Kindern auf seinem Zimmer, machte einen Spaziergang mit ihnen nach dem Walde zu, kam mittags wieder nach Hause, aß sehr stark und verträumte dann seinen Nachmittag in ähnlicher Weise, wie er den Vormittag durchgebracht hatte. Georg sah nun wohl ein, daß dieses Nichtstun auf die Länge der Zeit nicht ausführbar sein würde und einer, wenn auch geringen, doch festen Tätigkeit weichen müsse. Für jetzt ließ er den Alten aber gewähren, einesteils, weil er zu viel zu tun hatte, um sich mit ihm abzugeben, andernteils, weil er hoffte, daß sein Schwiegervater endlich selber zu ihm kommen würde, ihn um irgend eine Beschäftigung zu bitten. Selber an Tätigkeit gewöhnt, hielt er es nicht für möglich, daß sich irgend ein Mensch an einem solchen Leben lange freuen könne.
Die Kinder befanden sich jedenfalls am wohlsten; denn ganz ungewohnt, so wie hier in der freien, schönen Natur zu schwelgen, mit dem grünen Rasen unter, den breitästigen Bäumen über sich, sangen und hüpften sie mit den Vögeln draußen um die Wette und schienen am raschesten das früher geführte Leben vergessen zu wollen. Nur die eine Angst hatte Georg, daß sie auch am leichtesten und unbefangensten ihren frühern Stand ausplaudern würden, und obgleich ihnen, selbst von der Mutter, auf das strengste eingeschärft war, mit niemandem, wer es auch sei, darüber zu sprechen, erhielt der alte Mühler noch besonders den Auftrag, darüber zu wachen, daß dieses Verbot nicht übertreten würde – und daß es ein notwendiges sei, wußte er am besten.
Wolf von Geyerstein, mit dem Charakter von Georgs Frau jetzt genau bekannt, fühlte daß ihr, besonders in der ersten Zeit, in diesem einförmigen Leben auch etwas geboten werden mußte, um sie zu unterhalten, und beschloß, ehe er wieder in die Residenz zurückkehrte, sie bei einigen der Nachbarn, mit denen er selber befreundet war, einzuführen. Daß sie diesen gefallen würde, daran zweifelte er keinen Augenblick, und einmal in bessere Gesellschaft gebracht, als sie bisher gekannt hatte, ließ es sich auch denken, daß ihr Stolz darin Befriedigung und sie sich selber, wenn auch nicht glücklich, doch zufrieden fühlen würde. Damit verging wieder eine Woche, und Georg und Georgine wurden überall, schon in Rücksicht auf den allgemein beliebten Grafen, mit offenen Armen empfangen, ja für den Winter die verschiedensten Pläne entworfen, wie man häufiger zusammenkommen, geselliger leben wolle. Graf von Geyerstein fühlte damit eine große Last von seiner Seele genommen, denn er hatte jetzt die feste Hoffnung, daß der Bruder von seiten seiner Frau keinen so harten Widerstand mehr würde zu bekämpfen haben – und erst einmal ein halbes Jahr nur hinter sich, und das Schwierigste war überwunden. Ein besonders drückendes Gefühl blieb es ihm nur in dieser ganzen Zeit, und zwar weniger in Gegenwart von Fremden als der Georginens, gegen den Bruder kälter zu scheinen, als sein Herz sprach, ja, ihn als einen Fremden zu behandeln. Der durch ihr Mißtrauen scharfsichtigen Frau war dabei der Zwang nicht entgangen, den er sich augenscheinlich antat. Vergebens hatte sie aber bis jetzt durch Anspielungen versucht, ihn zum Reden zu bringen. Sie fühlte, daß die beiden Männer ein Geheimnis vor ihr hatten, und tat, wenn auch ohne Erfolg, ihr möglichstes, dieses zu lüften.
Graf Geyerstein mußte nach Schwerin, um die Papiere des jetzigen Barons von Geyfeln, die er durch seinen Einfluß in *** erhalten hatte, dort vorzulegen. Dadurch entzog er ihn allen weiteren Umständen und beugte möglicherweise daraus entstehenden Schwierigkeiten vor. Es gibt nun einmal in unserm gar künstlich eingerichteten Staate eine Menge von Formalitäten, die beachtet sein wollen, die sich aber, wo ihnen irgend ein Einfluß entgegentritt, auch immer sehr leicht als bloße Formalitäten behandeln lassen – man muß nur eben wissen, wie man es anzugreifen hat. Graf Geyerstein war auch dazu der richtige Mann; er hatte in der Residenz Verbindungen genug, um sich das zu erleichtern, und wußte, daß nur eben seine Gegenwart dort nötig war, die Sache rasch und mit günstigem Erfolg zu beseitigen. Er kannte aber auch den Zeitverlust, der bei allen mit den Gerichten zu verhandelnden Gegenständen unausbleiblich war, und durfte deshalb nicht zu lange säumen, um seinen Urlaub nicht zu überschreiten. Von Schwerin aus wollte er dann direkt nach Hause zurückkehren.
Es war der letzte Abend, den er bei ihnen in der breiten, geräumigen Stube saß, in deren Ofen schon, der vorgerückten Jahreszeit wegen, ein lustiges Feuer knisterte. Das Wetter draußen hatte sich kalt und unfreundlich gestaltet, der Regen schlug an die Fenster, und der Wind heulte draußen durch die Wipfel der alten Linden und warf die schwanken Pappeln in einem tollen Spiele herüber und hinüber. An dem heutigen Tage war eine von dem Grafen verschriebene Erzieherin – eine junge Französin aus guter Familie – eingetroffen, die von jetzt an Josefinens Ausbildung übernehmen sollte. Georgine hatte vorher nichts davon gewußt und war damit, aber nicht unangenehm, überrascht worden, denn an dem Kinde hing ihr ganzes Herz. Klug genug, dabei einzusehen, daß Josefine nicht zu viel lernen könne, fürchtete sie aber doch auch wieder, daß dies am Ende ein neues Band werden könne, sie an dieses ruhige Leben zu fesseln und ihren eigenen Hoffnungen und Plänen zu entziehen. Aber ein Kind des Augenblicks, wie sie es ihr ganzes Leben gewesen, tröstete sie sich auch hierin mit der Gegenwart. Sie selber wollte erst sehen und prüfen, und das andere fand sich von selber früh genug. Josefine war mit ihrer neuen Erzieherin in das ihnen angewiesene Zimmer, der alte Mühler mit dem Knaben auf seine Stube gegangen, doch hatte der Rittmeister auch für diesen schon gesorgt und mit seinem Bruder Rücksprache genommen, daß er in nächster Zeit der ausschließlichen und für ihn nicht wohltätigen Gesellschaft des alten Mannes entzogen werden solle. Nur allmählich durfte das geschehen, um Georginen in ihrem Vater nicht zu sehr zu kränken.
Das Essen war abgeräumt, die beiden Männer arbeiteten noch mit dem Verwalter zusammen, das Nötigste für die nächste Zeit zu besprechen und festzustellen, und Georgine lehnte auf dem Sofa und las – hatte wenigstens ein Buch in der Hand, denn ihre Augen flogen immer und immer wieder nach der Gestalt des Grafen hinüber, der in einem einfach grauen, aber militärisch zugeschnittenen Rocke neben ihrem Gatten saß und mit ihm die Wirtschaftsbücher durchging. Endlich war alles besorgt, der Verwalter empfahl sich, die Bücher wurden weggelegt – es mußte schon elf Uhr sein – und Graf Geyerstein erhob sich ebenfalls, um sein Lager aufzusuchen.