»Und wollen Sie dem Grafen nicht gestatten, sich zu verteidigen?«

»Wie kann er es?« fragte Melanie schnell, »und hat er selbst nur den Versuch gemacht? Er weiß, daß ich das Verhältnis kenne, wenn er auch vielleicht nicht ahnt, daß ich jetzt von seinem ganzen Umfange unterrichtet bin. Von da an mied er selber unser Haus, meine Nähe, und ich bedurfte fast keines stärkeren Beweises, als dieses stille Eingestehen seiner Schuld. Lassen Sie es deshalb abgetan sein, es ist das viel besser so, als wenn wir ihn vielleicht nötigten, Unwahrheiten und Beschönigungen mir gegenüber zu versuchen. Ich kann ihn nicht mehr achten – ich möchte ihn nicht auch noch verachten lernen.«

»Der arme Graf!« seufzte Luise, »und wenn er nun doch unschuldig wäre, wenn irgend ein unglückseliges Mißverständnis...«

»Beruhigen Sie sich, Luise; das ist es nicht. Hätte ich mich nicht selber überzeugt – wüßte ich nicht drei, vier verschiedene Fälle, in denen er mit jener Frau in Verbindung stand, ja, ich würde es auch glauben. Madame Bertrand hat ihn aber sogar verkleidet auf seinem Zimmer besucht – verlangen Sie einen stärkeren Beweis?«

»Das wäre allerdings stark genug, wenn es erwiesen...«

»Es ist erwiesen und die Sache erledigt. Gott sei Dank, ich habe mich selbst wiedergefunden, und keine solche Schwäche soll mich je mehr überwältigen. Aber still; ich glaube, Rosalie kommt zurück und wird ihren Putz in Ordnung bringen wollen.«

»Es ist die Exzellenz,« sagte Luise, »ich höre ihre Stimme.«

»Meine Mutter?«

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und Ihre Exzellenz die Frau Kriegsminister von Ralphen betrat mit Rosalie das Zimmer.

»Fräulein, haben Sie die Güte, Rosalien ankleiden zu lassen,« sagte sie, zu der Gouvernante gewandt, »ich wünsche mit meiner Tochter etwas zu besprechen. Geh, mein Kind, und komme nachher wieder hinüber zu mir – ich erwarte dich in einer halben Stunde.« Die Gouvernante verließ, dem Winke gehorsam, mit ihrem Zögling das Gemach, und Frau von Ralphen, langsam zu Melanie tretend, neben deren Stuhl sie sich auf denselben Fauteuil niederließ, in dem vorhin Fräulein von Zahbern gesessen, sagte freundlich: »Mein liebes Kind – aber ich dächte fast, du hättest geweint; deine Augen sehen so verschwollen aus. Fehlt dir etwas?«