»Nichts, liebste Mutter, nur ein wenig Kopfschmerz hatte ich, und selbst den kaum mehr, denn seit der letzten Viertelstunde fühle ich mich um vieles leichter.«
»Desto besser, denn ich habe ein paar ernste Worte mit dir zu reden.«
»Liebe Mutter!«
»Graf Selikoff war vorhin bei mir, um Abschied zu nehmen. Er war auch vorher bei dir, und du weißt, daß er in Familienangelegenheiten nach Petersburg muß. Wie lange er sich dort aufhalten wird, hängt allerdings von Umständen ab; er hofft aber doch in sechs bis acht Wochen spätestens wieder zurück zu sein, und hat mich indessen feierlich um mein Fürwort bei dir gebeten.« Melanie ließ die Hand mit der Nadel, die sie gehoben hatte, um in ihrer Arbeit fortzufahren, wieder sinken und sah still vor sich nieder, und die Mutter, die sie kurze Zeit beobachtete, fuhr mit langsamer, aber eindringlicher Stimme fort: »Ich brauche dir die Vorteile nicht auseinanderzusetzen, die für dich wie für uns alle aus einer Verbindung mit einem so edlen und angesehenen Hause entstehen würden; Vorteile sollen auch keinen Einfluß bei meiner Tochter auf die Wahl eines Gatten haben, denn, Gott sei Dank, wir können und dürfen die höchsten Ansprüche machen und stehen keinem nach. Aber Selikoff ist auch ein liebenswürdiger und braver Mensch, mit dem eine Frau schon hoffen darf, glücklich und angenehm zu leben, und ich möchte dir die Sache hiermit warm und dringend ans Herz gelegt haben. Eine Zeitlang glaubte ich einmal – und ich meine sogar, ich hätte Ursache dazu gehabt – daß Graf Geyerstein sich um dich bewerbe, und daß du selber ihm nicht abgeneigt wärest. Ich hätte allerdings nicht das geringste gegen Geyerstein einzuwenden; er ist aus edlem Geschlecht, ein braver und wackerer Mann, und der Vater hat ihn besonders gern und hält große Stücke auf ihn, aber – Selikoff ist denn doch eine bessere und schicklichere Partie für dich, und ich habe mit Genugtuung gesehen, daß du selber so zu denken scheinst. Graf Geyerstein mag das auch wohl fühlen, denn er hat sich in letzter Zeit fast auffallend zurückgezogen.« Die Mutter schwieg eine kleine Weile, um die Wirkung zu beobachten, die ihre Worte auf die Tochter machen würden. Melanie aber erwiderte keine Silbe, regte sich nicht, und die alte Exzellenz fuhr fort: »Graf Selikoff hofft, daß er dir nicht ganz gleichgültig sei. Er hat schüchtern, wie er ist – freilich noch nicht gewagt, dich selber darum zu fragen, er ist aber bei mir gewesen, und hat mich ohne Umschweife offen und ehrlich gebeten, ein Fürwort für ihn bei dir einzulegen, also förmlich und in aller Ordnung bei mir, der Mutter, um deine Hand geworben. Ebenso einfach und ohne alle Umschweife frage ich also dich jetzt, Melanie, willst du die Gattin des Grafen Selikoff werden?«
»Liebste, beste Mutter...«
»Laß mich eine einfache Antwort haben, Ja oder Nein; Selikoff selber hat dir noch Zeit mit der Antwort gelassen, bis er zurückkommt, nur für mich verlange ich sie, um darüber beruhigt zu sein; denn diese Ungewißheit reibt mich auf, und das vertragen meine Nerven nicht. Hast du etwas gegen ihn einzuwenden?«
»Nein!«
»Also darf er hoffen, daß du ihm deine Hand reichst, dich wenigstens mit ihm verlobst, sobald er zurückkehrt, denn die Vorbereitungen zu einer Vermählung sind nicht so im Nu beendet, wie die jungen Leute gar nicht selten glauben. Also: Ja oder Nein?«
»Ja!« hauchte Melanie.
»Ich danke dir, mein liebes Kind,« sagte die Mutter mit einiger Rührung, denn sie freute sich, daß ein Lieblingsplan von ihr zur Wahrheit geworden war, und fühlte doch auch dabei, daß Melanie noch irgend etwas auf dem Herzen hatte, das nicht so ganz mit diesem Ja übereinstimmte, ihr also dadurch vielleicht ein Opfer brachte. Sie hütete sich aber wohl, danach zu fragen, denn sie fürchtete und haßte jede Aufregung. Die Hauptsache war überdies erledigt, und alles andere konnte nicht weiter in Betracht kommen.