»Meinst du da nicht vielleicht,« setzte sie nach einer kleinen Pause hinzu, »daß wir dem armen Grafen ein paar Zeilen schreiben sollen, um ihn aus seiner Ungewißheit zu reißen?«
»Nein, ja nicht!« bat Melanie rasch.
»Ich meine nicht eine bestimmte Zusage; nur ein paar freundliche Worte, die ihm Hoffnung machen und seine Rückkehr zu uns vielleicht beschleunigen – wenn er sich überdies nicht schon genug beeilt, um seine Geschäfte zu beenden.«
»Nein, Mama – bitte, nein! Ich kann ihm nicht schreiben, ehe er selber bei mir um meine Hand geworben hat, und – ich möchte auch weiter keine Vermittlung in einer so wichtigen Sache haben. Er hat sich selber diese Frist gestellt, wir dürfen sie auf keinen Fall kürzen.«
»Du hast recht,« sagte die Exzellenz, »das sähe am Ende gar aus, als ob wir es nicht erwarten könnten. Uebrigens scheint er fast einen Brief zu erhoffen, denn er hat mir seine Adresse in Petersburg dagelassen.«
»Kehrt er zurück,« sagte Melanie, »so ist es früh genug, und ich selber brauche die Zeit, mich zu sammeln und – darauf vorzubereiten. Es ist ein wichtiger Schritt, den ich zu tun gedenke – ein Schritt, von dem es keinen Rückweg gibt. Laß mir, liebe Mutter, die mir dazu gegönnte Zeit ungeschmälert, damit ich mich nicht vorher schon als gebunden zu betrachten brauche – versprich mir das.«
»Von Herzen gern, liebes Kind; guter Gott, die kurze Zeit wird überdies so rasch verlaufen, daß man am Ende gar nicht weiß, wo sie geblieben ist, und ich habe noch so erstaunlich viel zu tun! Jetzt mach' mir aber auch kein so trauriges Gesicht mehr; das ist kein Gesicht, wie es sich für ein glückliches Bräutchen schickt. Apropos, ich habe der Rosalie zu ihrem Geburtstage heute Gesellschaft gebeten – ihre gewöhnlichen Spielkameraden und Freundinnen aus der Tanzstunde. Komm später ein wenig zu uns hinüber, das wird dich zerstreuen.«
»Weiß Papa darum?« fragte Melanie, ihre Augen zu der Mutter hebend.
»Um die Kindergesellschaft? – Ja, so, du meinst Selikoffs Antrag? – Nein, er war nicht zu Hause. Es wird ihm nicht so ganz recht sein; ich weiß, er hat sich zu deinem Gatten einen andern ausgedacht, aber er schätzt den jungen Russen doch auch sehr; er weiß, wie gern ihn der Fürst hat, und ist außerdem ein viel zu guter Vater, als daß er deinem Willen Zwang antun sollte. Also beruhige dich darüber nur vollkommen; ein Einspruch von seiner Seite ist nicht zu befürchten. – Aber ich sitze hier und schwatze und schwatze, und drüben warten eine Menge Geschäfte auf mich. Also adieu, meine liebe Melanie, adieu. Sei wieder freundlich – nicht so ernst, mein liebes – glückliches Bräutchen!« Und die Tochter umarmend und küssend, nickte sie ihr noch einmal zu und verließ dann rasch das Zimmer.