Herr von Zühbig hatte in diesem Morgen außerordentlich lange geschlafen, um sich von den gehabten Strapazen gehörig auszuruhen, war dann in sein Bureau gegangen, um die nötigen und laufenden Geschäfte zu ordnen, und schlenderte danach langsam einem Frühstückskeller zu, eine Erfrischung einzunehmen.

Es war das ein Platz, der ausschließlich von der Hautevolee besucht wurde – Herr von Zühbig wäre auch sonst nicht hingegangen. Besonders fanden sich die Kavallerieoffiziere gern hier des Morgens zusammen, und der Intendant hatte viele Freunde unter dem Militär, dem einst selber angehört zu haben sein Stolz war.

Das höchst elegant eingerichtete Lokal wurde selbst den Tag über von Gasflammen erhellt, da Tageslicht nie hineindringen konnte; weiche Plüschsofas zogen sich an den Seiten hin, und kleine, durch schwere Gardinen abgeschiedene Räumlichkeiten bildeten traulich gemütliche Plätzchen, in denen sich ein paar Zecher hübsch abgesondert von den übrigen halten konnten.

Von Zühbig war aber gesellschaftlicher Natur; er gehörte zu den Persönlichkeiten, die ein stilles, zurückgezogenes Familienleben nur dem Namen nach kennen – wenigstens davon gehört hatten, wenn sie auch nicht daran glaubten, und eigentlich nur, wie der Jäger sagt, »in Rudeln« gefunden werden. Morgens war er in seinem Bureau oder auf der Promenade, bei schlechtem Wetter im Café oder Delikatessenkeller, nachmittags hier und da mit Freunden zusammen, und abends im Theater oder beim Whist. Aus diesem Grunde verschmähte er auch die kleinen abgeschiedenen Lokale, nannte sie »Gefangenzellen« und protegierte den langen Gesellschaftstisch, an dem er hoffen durfte, mit Gleichgesinnten zusammen zu treffen.

Heute hatte er übrigens dazu eine ungünstige Zeit gewählt. Es war noch früh oder schon zu spät für die gewöhnlichen Gäste, und von Zühbig befand sich hinter einem Glas altem Madeira und einem Teller mit Kaviar ganz allein und keineswegs so gemütlich, wie er es erwartet haben mochte. Vergebens hatte er auch, in einer Art von Instinkt, dann und wann nach den Fenstern geschaut, ob nicht etwa Ankömmlinge sein Los erleichtern wollten. Die Fenster waren nämlich bloß Imitationen von wirklichen, tatsächlichen Lichtverbreitern; sie bestanden aus Spiegelglas und warfen ihm stets nur sein eigenes unzufriedenes Bild zurück.

»Garcon!« rief Herr von Zühbig.

»Zu Befehl, Ew. Gnaden.«

»Der Madeira ist heute abominabel – der muß auf einem Heringsfaß gelegen haben.«

»Bitte tausendmal um Verzeihung, Ew. Gnaden – er hat in Flaschen dreimal die Linie passiert.«

»So? – in der Tat? dann ist er oder ich jetzt an der andern Seite vom Aequator – aber Sie sprechen wahrscheinlich von dem Kaviar. Der schmeckt wirklich so, als ob er dreimal die Linie passiert haben könnte. Er ist ganz ranzig.«