»Sehnsucht nach Urlaub vielleicht,« schmunzelte Silberglanz. »Es geht doch nichts über eine freie, ungebundene Existenz.« Und seinen Arm vertraulich in den von Zühbigs legend, wollte er mit ihm die breite Hauptstraße hinaufschlendern. Daran lag aber diesem nichts.

»Sie wollen dort hinauf?« sagte er.

»Wohin Sie gehen; die Richtung ist mir vollkommen gleichgültig. Bis zum Diner habe ich weiter gar nichts vor.«

»Aber ich desto mehr, bester Freund,« erwiderte der Intendant. »Sie haben recht, es geht nichts über eine freie, ungebundene Existenz, ich aber gehöre mit zu jenen armen, geknechteten Menschenkindern, die nicht einmal eine eigene Zeit besitzen. Ich muß noch einmal auf mein Bureau, um einige Briefe zu beantworten.«

»Schön, dann begleite ich Sie wenigstens bis zur Tür,« sagte der nicht so leicht abzuschüttelnde Silberglanz, und dagegen konnte Herr von Zühbig nichts einwenden. Das Theater lag aber nur eine sehr kurze Strecke von dort entfernt, und hier verabschiedete sich denn wirklich der Baron, irgendwo auf der Promenade einen andern Bekannten aufzutreiben, dem er sich in Ermangelung Zühbigs anhängen konnte.

23.

Wir haben Georg verlassen, als damals der alte Tobias auf seinen Befehl aus dem Hofe gejagt wurde. Damit war er allerdings für den Augenblick den Burschen los; daß dieser aber, über die Behandlung wütend und von Branntwein und Aerger aufgeregt, ins Dorf hinabgehen und dort sein Geheimnis ausschreien würde, ließ sich voraussehen – und was dann? Wie unangenehm mußte selbst hier auf dem Gute Georgs Stellung werden, wenn die Bauern von Schildheim, ja, seine eigenen Knechte erfuhren, daß er unter einem angenommenen Namen hierher gekommen wäre! und wie erst sollte sich sein Verhältnis zu den benachbarten Gutsbesitzern stellen, wenn aus dem Baron von Geyfeln der frühere Kunstreiter Monsieur Bertrand wurde? Er selber hätte sich vielleicht darüber hinweggesetzt, aber würde Georgine dieses einsame Leben ertragen, wenn sie von da an nur auf ihre eigene Familie angewiesen blieb?

Selbst der frühere Besuch von Zühbigs – wenn auch seit der Zeit Wochen vergangen waren – kam ihm wieder ins Gedächtnis und zeigte ihm mehr und mehr, daß sein Geheimnis bald kein Geheimnis mehr bleiben würde. Die Bosheit des alten Possenreißers und der Zufall hatten sich in die Hände gearbeitet, und er sah mit recht bitteren, sorgenden Gefühlen der Zukunft entgegen.

Vor allem mußte er aber jetzt erfahren, was unten im Dorfe vorgefallen sei oder noch geschehe, und er schickte deshalb den Verwalter mit einem gleichgültigen Auftrage zum Sternenwirt hinunter. Dort sollte er nebenbei anfragen, ob Mühler im Krug noch eingekehrt oder seinen Weg gleich weiter gezogen sei.

Das abgemacht, setzte er sich hin und schrieb einen ausführlichen Brief über die Erlebnisse der letzten Wochen, besonders über sein Begegnen mit Herrn von Zühbig, an Wolf und sprach darin die Befürchtung aus, daß seine Stellung hier nicht lange mehr haltbar sein würde; denn zogen sich die benachbarten Gutsbesitzer von ihm zurück, so sah er voraus, wie unglücklich sich Georgine fühlen und ihm das Leben dann auf jede Art verbittern würde. In dem Briefe teilte er aber auch dem Bruder mit, daß ihn Karl, der Neffe des Alten, heimlich verlassen habe und er jetzt fest entschlossen sei, nach dem Vorhergegangenen, möge sich Georgine darüber gebärden, wie sie wolle, den alten Mühler selbst nicht wieder bei sich aufzunehmen.