»Dann ist er sicher unter irgend einem Baume umgefallen und eingeschlafen,« meinte der Knecht, »aber jedenfalls hätte ihn doch heute morgen die Kälte wecken müssen.«
»Wenn ihn die Kälte die Nacht über nicht umgebracht hat,« sagte der Schulze. »Weshalb habt Ihr ihn denn vom Hofe gejagt?«
»Ich weiß es nicht,« erwiderte Gottlieb, »er ist wohl unverschämt gegen den gnädigen Herrn gewesen, denn er war oben bei ihm im Zimmer und hatte ein schrecklich großes Maul, wie uns der Baron hinaufrief; der war aber ganz ruhig und befahl uns nur, wir sollten den Besoffenen vors Tor bringen und nicht wieder ins Gut lassen.«
»Na, Müller,« sagte der Schulze, »wenn ihm wirklich etwas Menschliches begegnet wäre, könntet Ihr Euch trösten – und das Dorf auch. Freude hätten wir an dem Tobias nicht mehr erlebt.«
»Das ist wohl wahr,« sagte der Müller, »und die Haare würde ich mir deshalb nicht ausraufen. Es bleibt aber doch immer meiner Frau Vater, und daß mir die Leute später nachsagten – wenn's auch nicht wahr wäre – daß ich ihn draußen auf der Straße hätte liegen und umkommen lassen, das könnt Ihr ebenfalls glauben.«
»Dann beruft Euch nur auf uns hier im Dorfe, Müller,« beruhigte ihn der Schulze. »Ihr habt an dem faulen Strick getan, was kein anderer getan hätte, und braucht Euch wahrhaftig keine Gewissensbisse darüber zu machen. Jetzt wollen wir indessen einmal die Gemeinde aufbieten und sehen, ob wir nicht herausbekommen können, was aus ihm geworden ist. Weit kann er auf keinen Fall gestern mehr gelaufen sein, und ist ihm ein Unglück passiert, so müssen wir ihn ganz in der Nähe finden.«
Die Gemeinde wurde zusammengerufen; als Sammelplatz gab es natürlich keinen andern und passenderen Ort als den Krug, und hier füllte sich indessen auch die Gaststube mehr und mehr mit eintreffenden und eifrig debattierenden Bauern. Sobald die Gemeinde vollzählig war, wollte man ausrücken. Der hatte aber noch dies, jener das zu Hause zu tun; andere waren auf dem Felde draußen und mußten erst hereingeholt werden, und die Leute im Wirtshause konnten indessen ihre Zeit nicht besser verwerten, als daß sie Bier tranken und ihre Pfeifen in Brand hielten.
Das Gespräch drehte sich dabei natürlich ausschließlich um den »faulen Tobias«, sein früheres und sein jetziges Leben, seine guten und seine bösen Seiten, und man kam, trotz allen seinen Fehlern, doch zu dem Resultat, daß man wünschte, es möchte ihm kein Unglück geschehen sein. – Im stillen hoffte freilich doch ein jeder, daß er nicht wieder zum Vorschein käme, denn er war in der letzten Zeit dem Dorfe eine Last geworden.
Eine volle Stunde war mit solchen Vorbereitungen vergangen, und noch immer fehlten einige. Der Schulze aber erklärte, daß sie jetzt nicht länger warten könnten, rief die Leute in der Stube zusammen und wollte sie eben einteilen, wie sie nach verschiedenen Richtungen hin ausgehen und ihnen angewiesene Distrikte absuchen sollten, als der Verwalter in die Stube trat.
»Hört einmal, ihr Leute,« redete dieser die Bauern an, »wie mir eben der Gottlieb sagt, vermißt ihr den Müllers-Tobias seit gestern. Ist dem so?«