Georg sah ihm nach, bis er um die Ecke des Ganges verschwunden war, dann sagte er mit wohl gedämpfter, aber finsterer Stimme zu dem Alten, der sich ihm höchst unbehaglich gegenüber fühlte: »Mühler, Ihr solltet Euch in Eure Seele hinein schämen, solche Streiche zu treiben, wie Ihr heute getan!«

»Ich? ich weiß gar nicht...«

»Schweigt!« befahl ihm aber Georg. »Ihr wißt recht gut, was ich meine, denn ich habe Euch gesehen. Versteht Ihr denn nicht besser, als ich es Euch je erklären könnte, die eigentümliche Lage, in der ich mich hier der Welt gegenüber befinde, und sollte Euch nicht gerade besonders daran liegen, das Verhältnis nicht mutwillig zu stören, ja, zu zerstören, das Euch sowohl wie uns hier Frieden und eine anständige, geachtete Existenz sichert?«

»Ich vergaß mich einmal...«

»Das weiß ich, aber,« und er hob dabei drohend den Finger, »es darf nicht wieder geschehen. Ihr werdet jetzt, wie es steht, Mühe genug haben, Euch die Achtung im Orte wieder zu sichern, die Ihr durch Euer heutiges Betragen vielleicht auf immer verscherzt habt. Erfahren die Leute erst einmal, was Ihr gewesen seid, dann haltet Euch auch versichert, daß kein anständiger Bauer, von den Gutsherren gar nicht zu reden, mehr Gemeinschaft mit Euch wird haben wollen, denn so viel habt Ihr im Leben draußen doch gewiß gelernt, daß man über einen Hanswurst wohl lacht, aber nicht mit ihm verkehrt. Noch könnt Ihr es aber vielleicht wieder gut machen; haltet Euch die Leute fern, so viel es geht, und besonders trinkt nicht mit ihnen. Euer Kopf verträgt die starken Getränke nicht, und einmal halb im Rausch, und Ihr seid Eurer Zunge, Eurer Handlungen nicht mehr mächtig. Aber ich denke, ich habe Euch genug darüber gesagt – nur das noch als Warnung: fällt etwas Aehnliches noch einmal vor, so müßt Ihr den Platz verlassen – darauf gebe ich Euch mein Wort, und wie Georg Bertrand sein Wort niemals brach, so breche auch ich es nicht. Ich dächte, Ihr kenntet mich darin.« Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, ließ er den Alten im Gange stehen und schritt nach Georginens Stube. Mühler aber drückte sich rasch um die Gangecke, seinem eigenen Zimmer zu; als er sich jedoch aus dem Bereiche Georgs wußte, blieb er stehen, schüttelte sich, wie ein Pudel eine Tracht Schläge abschüttelt, und zwar auf eine ihm eigentümliche Weise, die schon oft die Galerien zu kreischendem Gelächter gezwungen hatte, daß nämlich alle seine Glieder wie locker am Leibe hingen und hin und her flogen. – Dann einen scheuen Blick über die Schulter werfend, ob die Luft noch rein sei, rieb er sich vergnügt die Hände und lachte still vor sich hin, während er den Gang hinabtrollte.

»Das ist noch gut gegangen – Teufel auch! heute glaubt' ich, kriegt' ich's dick. Er sieht aber auch alles, der Kujon – na, warte, du sollst mich nicht wieder erwischen, mein Schatz, denn fort möcht' ich mich doch auch nicht aus dem bequemen Platz hier jagen lassen.«

Georg ging in das Zimmer seiner Frau und fand diese mit geröteten Wangen und raschen Schritten, die Arme fest verschränkt, auf und ab gehen. Bei seinem Eintritt blieb sie stehen und sah ihren Gatten finster an.

»Was hast du?« sagte dieser ruhig, die Bewegung der Frau konnte ihm nicht entgehen.

»Was ich habe, Georg,« rief Georgine, die diesen Augenblick ersehnt hatte, indem sie nach dem Herzen griff, »einen Schmerz hier, einen bittern, nagenden Schmerz, der mir nicht Rast noch Ruhe läßt.«

»Das alte Leiden?« sagte Georg düster, indem er seinen Hut auf den Tisch warf.