»sagten Sie mir nicht vorhin, daß Sie Seltendorf hießen?«

»Ich?« wiederholte verlegen von Silberglanz, »wohl kaum – die Namen klingen so ähnlich – Sie haben sich vielleicht verhört.«

»Möglich – noch eins. Kann man leicht in Royazets Wohnung gelangen?«

»Es ist ganz unmöglich,« versicherte der Baron schnell. »Sie müßten denn vorher durch einen ganzen Saal seiner Bereiter und – Tänzer hindurch. Ihre Frau Gemahlin ist mit Fräulein Tochter in dem hintersten Teile der Wohnung einquartiert, und zwar drei Etagen hoch.«

»Es ist gut. – Herr Baron, wie Sie mir jetzt gegenüber stehen, fühlen Sie jedenfalls selbst am besten; es bedarf keiner weiteren Worte. Ich hatte anfangs im Sinne, Sie nicht so leicht zu entlassen, aber ich sehe, daß ich von Ihnen keine weitere Satisfaktion verlangen kann. Gehen Sie; das aber schwöre ich Ihnen zu, begegne ich Ihnen noch morgen, nach Abgang des ersten Zuges, hier in Hamburg oder in Altona, so befehlen Sie Ihre Seele Gott.«

»Wenn ich den Zug versäumte, würde ich einen Extrazug nehmen, von hier fortzukommen,« rief von Silberglanz rasch. »Ich bedaure unendlich, Ihnen in dieser bösen Sache...«

Georg drehte sich kalt von ihm ab und schritt die Straße wieder zurück, dem Hotel zu, den Baron sich selbst und seinen eigenen, nichts weniger als angenehmen Gefühlen überlassend.

28.

Am nächsten Morgen erhob sich Georg früh von seinem Lager, auf dem ihn der Schlaf die ganze lange Nacht geflohen hatte. Unzählige Pläne entwarf er dabei, aber nur um immer wieder zu fühlen, daß sie unausführbar wären, und keine Ruhe im Zimmer findend, kleidete er sich an, nach Altona zurückzugehen. Dort wollte er einen dänischen Advokaten als letzte Zuflucht aufsuchen, ihm den ganzen Fall erzählen und sehen, was er von ihm für Hilfe erhoffen durfte. Konnte der ihm nicht helfen, dann beschloß er, Gewalt zu brauchen. Wie das geschehen könne, wußte er freilich nicht, aber er vertraute auf sich und seine Kraft; für das übrige ließ er den Himmel sorgen. Den alten Forstwart konnte er jetzt natürlich nicht mehr gebrauchen. Er ließ ihn im Hotel zurück, schrieb ihm dessen Adresse genau auf und riet ihm dann, an den Hafen hinunter zu gehen und sich die Stadt anzusehen, bat ihn aber, um Mittag jedenfalls wieder zurück zu sein, da er nicht wüßte, was bis dahin vorfallen möchte. Dann ging er aus alter Gewohnheit zu dem Stalle, wo er sein Pferd stehen hatte, nach diesem zu sehen, ob es ordentliche Pflege habe, und darüber beruhigt, schritt er langsam und recht schweren Herzens nach Altona hinüber.

Es war noch früh, und obgleich er in Hamburg selber schon den besten und geschicktesten Advokaten Altonas erfragt, konnte er diesen doch noch nicht sehen. Der Herr hatte seine Sprechstunde von zehn bis zwölf Uhr – vorher nahm er niemanden an. Der Advokat wohnte ganz in der Nähe des Zirkus, und obgleich Georg nicht zu fürchten brauchte, zu so früher Stunde irgendwelchem von den Leuten zu begegnen, vermied er doch die allernächsten Restaurationen und ging in eine andere Straße, um in einem dortigen Café sein Frühstück zu nehmen und Zeitungen zu lesen, bis die anberaumte Stunde schlug. – Zeitungen zu lesen – lieber Gott! er überflog die Blätter; die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen, die Zeilen schwammen durcheinander, und er vergaß den Platz selbst, wo er saß. Nur eine Ankündigung fesselte wieder und wieder seinen Blick – die von Royazet, in der er dem Publikum verkündete, daß er nur noch drei Tage in Altona verweilen und unabänderlich am nächsten Montag die Stadt verlassen würde, um mit seiner Gesellschaft nach Petersburg zu gehen. – Nach Petersburg! – das Wort schon gab ihm einen Stich durchs Herz, und unruhig sprang er auf und trat ans Fenster. Aber dort gingen viele Menschen vorbei, von denen manche hereinsahen; fast unwillkürlich trat er wieder zurück und verbrachte die Zeit in einer Unruhe, die an fieberhafte Qual grenzte.