Und, o, wie langsam rückte der Zeiger vor – noch keine Zeit war ihm so lang geworden, wie diese wenigen Stunden, die er in dem Café verbrachte! Endlich war es zehn – noch fehlten Minuten daran, aber auch diese mußten ja endlich vergehen – und würde ihm der Rechtsgelehrte Trost und Hilfe geben? – Wenn nicht, so hilf dir selbst, flüsterte da der alte Trotz in ihm, und mit dem festen Entschlusse knüpfte er seinen Paletot bis oben hin zu, drückte seinen Hut in die Stirn und wollte eben, als die große Wanduhr die ersten Schläge der zehnten Stunde tat, das Zimmer verlassen, als draußen auf der Straße lustig schmetternde Musik erschallte und die Leute vor den Fenstern zusammenliefen.

»Was ist das?« fragte er, stehen bleibend, den Kellner, dem er eben seine Zeche bezahlt hatte und der ihm beim Anziehen seines Paletots behilflich gewesen war.

»O, bloß die Kunstreiter,« antwortete der junge Bursche, »sie halten ihren Umzug, weil heute wieder große Vorstellung ist.«

Georg schlug das Herz, als ob es ihm die Brust zersprengen wollte, aber er besaß Gewalt genug über sich, das den Fremden nicht merken zu lassen.

»So?« sagte er, während der Kellner die Augen schon draußen auf der Straße hatte, um nichts von dem Schauspiel zu versäumen, »dann werde ich mir das erst von hier mit ansehen. Ziehen sie lange herum?«

»Eine oder zwei Stunden manchmal, bis sie durch die ganze Stadt sind.«

»Und kommen sie nachher hier noch einmal vorbei?«

»Nein, zurück kommen sie durch die andere Straße da drüben, damit sie sich soviel wie möglich überall zeigen. Sehen Sie, das da vorn ist die neue Dame, die gestern zum erstenmal geritten ist – die kann's! Royazet wird sie heiraten. Sie soll ihrem Manne davongelaufen sein, nur um hierherzukommen.«

Georg fühlte, wie alles Blut sein Angesicht verlassen hatte; die Aufmerksamkeit des Kellners wie aller im Zimmer befindlichen Gäste war aber in diesem Augenblick einzig und allein auf die Straße gerichtet, und Georg trat zu einem der Seitenfenster. Vor diesem stand ein grünes Drahtgitter, so daß man wohl hinaussehen konnte, aber von draußen völlig unbemerkt blieb, und vor ihm vorbei, kaum zwanzig Schritt entfernt, bewegte sich der ganze Zug. Voran ritt die Musik, wie immer aufgeputzt in grellen Uniformen mit buntgefärbten Federbüschen und riesigen Epauletten; hinter dieser, die einen lustigen Reitermarsch spielte, kam der Herr des Zuges, der berühmte Royazet, und an seiner Seite, siegesstrahlend und Glück und Triumph in den hellen Zügen – ritt sein Weib. – Aber er sah sie kaum – nur einen flüchtigen Blick warf er auf die Treulose, von der er sein Herz schon lange losgerissen. Sein Blick suchte das Kind, sein armes, geraubtes Kind, und als er es nicht mit unter den ersten des Zuges fand, durchzuckte ihn ein plötzlicher Strahl von Hoffnung. War sie zu Hause geblieben – befand sie sich nicht beim Zuge, dann war es möglich, in dieser Zeit unbemerkt, wenigstens ungehindert, zu ihr zu gelangen, und während der Zug... Auch dieser Plan fiel, kaum aufgebaut, zu Trümmern – dort ritt sie – seine liebe, liebe Josefine, sein Kind, an dem sein Herz mit allen Fasern blutend hing – dort, aufgeputzt mit buntem Flittertand, der ihm nie so schal, so entsetzlich vorgekommen war, wie eben jetzt – die bleichen Wangen geschminkt, die Augen niedergeschlagen – eine gebrochene, halbwelke Blume, mit Farbe übermalt. Das andere kleine Mädchen an ihrer Seite lachte und sprach mit ihr, aber sie antwortete ihm nicht; ihr Auge hing an der Mähne des Ponys, den sie ritt – ihre Gedanken waren weit, weit fort von hier.

Mit Georg war plötzlich eine wunderbare Veränderung vorgegangen. Sein Auge haftete wohl noch auf dem Zuge, aber er sah ihn nicht mehr; sah nicht die faden Späße, die der wie früher dahinterher reitende Klown, der alte Mühler, mit der Stadtjugend trieb, sah nicht das Volk, das lärmend, schreiend, vorbeidrängte. Er blieb still und regungslos am Fenster stehen, bis die letzten Reiter vorüber waren und sich die Zuschauer wieder dahinter schlossen. Dann drehte er sich langsam um, verließ das Lokal und schritt auf die Straße hinaus, wo er stehen blieb und sich umsah. Eine zweispännige Droschke kam eben den Weg langsam daher gefahren. Er winkte, und der Kutscher hielt neben ihm.