Das Stubenmädchen erstaunte allerdings, als ihr der Auftrag wurde, so rasch als möglich Kinderkleider für die Kleine herbeizuschaffen; dort aber war das leicht. In einer halben Stunde hing Josefine, Freudentränen weinend, in einem dunklen warmen Kleide an ihres Vaters Halse, und schon der Abendzug, der Hamburg verließ, führte sie mit dem Vater und dem alten erstaunten Barthold der Heimat wieder zu.
29.
Wolf von Geyerstein saß allein in seiner Stube, den Kopf in die Hände gestützt, und vor ihm lag ein offener Brief Georgs:
»Tausend und tausend Dank für deine brüderliche Liebe, mein Wolf! – Du hast recht – meine Stellung hier, nach dem Vorgefallenen, ist, wenn auch nicht unhaltbar, doch höchst drückend. Durch jenen Herrn von Zühbig, wie du aus meinen früheren Briefen weißt, und durch des alten Mühler trunkene oder seines Neffen boshafte Schwatzhaftigkeit ist mehr unter die Leute gekommen, als ich im Anfang selbst vermutete. Das Gerücht, was ich früher gewesen bin, hat Boden gefaßt, und die Gutsnachbarn ziehen sich von mir zurück, vermeiden mich wenigstens, soviel es geht, und ich werde sie nicht aufsuchen.
Meine ganze Seligkeit ist jetzt mein Kind, das ich glücklich dem ihm selber furchtbaren Leben entrissen habe. Auch mit dessen Mutter bin ich im reinen. Georgine weigerte sich auf meinen ersten Brief, in eine Scheidung zu willigen, und wollte es nur unter der Bedingung, daß ihr Josefine zurückgegeben würde. Durch ihre Flucht hat sie sich aber selber jedes gesetzlichen Schutzes beraubt, und außerdem scheint ihr auch der Wunsch, jene Verbindung mit Royazet zu schließen, den Schritt erleichtert zu haben. Wir sind geschieden, die Papiere darüber werde ich in nächster Zeit bekommen, und frei von allen Banden, die mich bis dahin an das alte Leben ketteten, will ich von nun an meine Bahn beginnen.
Für dein Anerbieten, mich nach Ungarn auf das dort für mich angekaufte Gut zu setzen, nimm meinen heißen Dank. Du hast schon mehr für mich getan, als selbst ein Bruder für den andern tun kann, aber – ich will dich aller weitern Sorge für mich entheben. Ich habe einen andern Plan für mich, der mich mir selber wiedergeben soll. Will es Gott, so sehen wir uns dereinst noch froh und fröhlich wieder, und dann kann ich der Mutter auch getrost ins Auge schauen.
Ich will nach Amerika. Es wird mir von meinem kleinen Kapital etwa so viel übrig bleiben, mit meinen Begleitern hinüberzukommen. Ich habe ein Kind angenommen – eine Waise – als Josefinens Gespielin, die mit unendlicher Liebe an der neuen Schwester hängt. Von allen meinen Sachen nehme ich nur den Rappen mit, der mir mein Kind befreit – aber nur bis zu dir. Mag er dir von jetzt an so treu dienen, als er mir gedient.
Alles weitere mündlich. Ich komme auf der Durchreise nach ***, um dich, du treues Herz, noch einmal zu sehen und dir selber für alles, was du an uns getan, zu danken. Wahrscheinlich folge ich diesem Briefe unmittelbar; denn wie du mir schreibst, wird der neue Pachter schon in acht Tagen eintreffen, und es ist alles hier so geregelt und in Ordnung, daß dem alten Verwalter das Gut auf die kurze Zeit ohne die geringste Sorge anvertraut werden kann. Ich bin gerade dabei, ihm das Inventar zu übergeben.
Es grüßt und küßt dich bis dahin
dein Georg.