»Das war eine Ueberraschung, nicht wahr?« sagte die alte Dame, indem sie ihre Arme liebkosend um das an sie geschmiegte Haupt des Sohnes legte. »So habe ich es mir ausgedacht und mich lange, lange schon darauf gefreut.«
Karl öffnete in diesem Augenblick die Tür ein wenig, denn es war ihm, als ob ihn sein Herr gerufen hätte, schloß sie aber auch augenblicklich wieder, als er die Gruppe bemerkte und murmelte nur leise vor sich hin: »Sonderbar! sonst ist mein Herr mit allen Leuten, die zu ihm kommen, ganz erschrecklich kalt und kurz angebunden, und heute fällt er allen um den Hals – doch was geht's mich an!«
»Aber was führt dich jetzt hierher zu uns?« rief Wolf, indem er seine Mutter zum Sofa führte. »Keine Silbe hast du davon in deinem letzten Briefe erwähnt.«
»Komme ich dir so ungelegen, mein Kind?«
»Nie glücklicher als jetzt,« rief Wolf, »so lieb du mir auch immer bist, aber fröhlicher begrüßt hätte ich nie deine Ankunft.«
»In der Tat?« lächelte die alte Dame, »und was ist heute morgen so Besonderes vorgefallen? Apropos, da draußen standen Koffer; ist jemand zu dir gekommen oder willst du verreisen?«
»Beides – wenn auch nicht gleich, da ich dich jetzt hier habe.«
»Aber, Wolf, Wolf,« sagte die alte Dame, ihn mit wachsender Unruhe betrachtend, »was fehlt dir? – bist du krank gewesen? – Deine Wangen sind bleich und eingefallen; deine Augen liegen tief in ihren Höhlen und haben das Feuer nicht mehr, das sie früher hatten. Ist etwas vorgefallen? – Laß mich's wissen, Wolf – sonst,« setzte sie herzlich hinzu, »war ich ja doch immer deine Vertraute.«
»Vorgefallen ist allerdings etwas, lieb Mütterchen,« sagte Wolf, der ihre Aufmerksamkeit von sich abzulenken wünschte, »aber nichts, was mich niederdrücken könnte. Ein leichtes Unwohlsein hat mir vielleicht für den Augenblick die sonst lebendigere Farbe genommen – weiter nichts.«
»Nein, mein Kind,« sagte aber die alte Dame, denn das Mutterauge sah schärfer als das der anderen, »das ist mehr als ein leichtes Unwohlsein. Du warst entweder ernstlich krank, Wolf, oder irgend ein geheimer Kummer nagt dir am Herzen. Du kannst mich nicht täuschen. – Habe ich dein Vertrauen verloren, Wolf?«