»Unsinn,« lachte aber Leifeldt, jetzt mit der Stadt vor sich ausgebreitet, die Alles in sich barg, was ihm lieb und theuer auf dieser Welt war, in aufsprudelnder Lust — »wie eine Perle? — sag lieber wie eine todte Fliege, wenn Du das Meer denn doch mit einem Glase vergleichst — eine Fliege, Freund, die an's Ufer treibt und wieder ausgeschieden wird. Nein, fort mit den traurigen Gedanken — sieh, Dein Auge hat sich schon ordentlich belebt, und Du fängst an, wieder wie ein vernünftiger Mensch auszusehn. Jetzt weiß ich auch, was Dir bis dahin in den Knochen gelegen — die engen Hügel waren es, die Dich umschlossen, die schwere Luft, die in das schmale Thal herniederpreßte — hier ist der Himmel frei, hier dehnt sich die See wieder in unbegrenzter Breite vor uns aus, und das Herz wird weit und athmet voll, und es ist ordentlich, als ob das Blut in unseren Adern flüssiger, lebendiger geworden wäre. Ich möchte nicht mehr im inneren Lande leben, seit ich erst einmal Seeluft gekostet, und ich kann mir wahrlich nicht denken, daß man sich wieder da wohl fühlen könne, wo man schon einmal den vollen Genuß eines solchen Anblicks, wie wir ihn jetzt feiern, kennen gelernt und mit der Zeit unentbehrlich gefunden hat.«
»Und wenn Deine Jenny nun nach San Jago zöge?« sagte Don Gaspar, lächelnd zu ihm aufschauend, »wie wär es dann mit der See?«
Leifeldt schoß das Blut wie mit einem plötzlichen Strahl in die Schläfe, und er erwiederte, aber mit etwas gezwungener Gleichgültigkeit. »Unsinn, Gaspar — wenn mir das Mädchen wirklich nicht gleichgültig wäre, wie dürfte ich jetzt auch nur daran denken, um sie zu werben, wo ich eben erst angefangen habe, festen Fuß zu fassen. Valparaiso ist ein theurer Ort, und wer hier eine Familie haben und sie anständig durchbringen will, darf eben nicht nur ein junger Arzt und Anfänger sein — und in späteren Jahren — lieber Gott, wir wissen nicht, was die nächste Stunde bringt, wär' es nicht Thorheit, wollten wir uns Pläne auf lange Jahre hinaus machen.«
»Und vielleicht helf ich Dir doch,« sagte freundlich Don Gaspar, ihm die Hand hinüber reichend — »hier in Valparaiso bin ich allerdings nicht im Stande gewesen, Geld zu erheben, auf das ich bestimmt gerechnet hatte, aber ich habe mit der letzten Post nach Madrid geschrieben, und kann schon etwa die Tage berechnen, wo ich nicht mehr der arme Don Gaspar sein werde, wegen dem der Freund Existenz und Brod verläßt, ja seine Freiheit und sein Leben auf's Spiel setzt, ihn zu retten.«
»Unsinn, Unsinn,« lachte Leifeldt, Don Gaspar hatte aber seine Hand ergriffen, schaute ihm ein paar Sekunden, nur gewaltsam eine innere Aufregung bekämpfend, ins Auge und fuhr dann mit leiserer aber fester Stimme fort:
»Es könnte sein, Federigo, daß ich — wir sind Alle Menschen und wissen nicht, wann uns Gott abruft — daß ich plötzlich sterben könnte — ich habe deshalb den erwarteten Wechsel an Dich adressirt, und ich möchte Dich bitten« —
»Gaspar!« rief aber Leifeldt bittend, und jetzt wirklich beunruhigt, »was zum Henker giebst Du Dich plötzlich so trüben Gedanken hin. — Wir sind allerdings sterblich, und jeder Moment kann unserer Laufbahn ein rasches, gewaltsames Ziel stecken, Du vor allen Anderen darfst aber nicht fürchten, daß Dich das Schicksal einem schnellen Tode bestimmt habe, denn wahrhaftig, Du hast ihm Gelegenheit genug gegeben, in solchem Fall zuzulangen. Aber allerdings möchte ich nicht für Dich einstehn, wenn Du so fortfährst, Dein Leben wirklich zum Fenster hinauszuwerfen — einmal findest Du es doch nicht wieder. Mensch, wenn ich nur an die beiden Fälle zurückdenke, wie Du auf den Hai hinuntersprangst, oder Dich den herandonnernden Pferden entgegenwarfst, so weiß ich wahrlich jetzt selber nicht, wie es überhaupt möglich war, nicht einer Gefahr — denn das kann man schon nicht einmal mehr Gefahr nennen — sondern dem wirklichen Tode so durch ein Wunder zwei mal zu entgehen. Die Götter droben können Dich also jedenfalls noch nicht gebrauchen, und Du magst völlig ruhig und unbekümmert in die Zukunft blicken.«
»Und es ist merkwürdig,« sagte Don Gaspar kopfschüttelnd, »ich kann mich auf die Einzelheiten der beiden Fälle gar nicht mehr besinnen — aber sieh da,« unterbrach er sich plötzlich, als der Wagen, von den raschen Pferden wie im Fluge dahin geführt, die äußerste Grenze der Vorstadt berührte — »wir sind an Ort und Stelle, wie es scheint, und die Pferde wittern den Stall. — Wetter noch einmal, wie sie ausgreifen, und dort« — Leifeldt machte plötzlich eine Bewegung, als ob er hinausspringen wollte, und mehrere Damen gingen, ohne jedoch nach dem Wagen selber herüberzusehen, auf den Trottoirs der Straße hin, Don Gaspar ergriff aber seinen Arm und sagte lachend:
»Halt, Señor — machst Du mir Vorwürfe, daß ich mein Leben thörichter Weise auf's Spiel setze und willst gleich hinterher Deine eigenen Gliedmaßen in Gefahr bringen? War das Deine Dulcinea, wie ich keinen Augenblick mehr zweifle, so werden wir sie heute Abend schon auf eine weniger halsbrecherische Weise zu sehn bekommen, und jetzt vorwärts Kutscher, vorwärts, was zügelst Du die Pferde ein, wir sind noch lange nicht am Ziel!«
»Darf hier nicht galoppiren mit den Thieren, Señor,« erwiederte aber dieser — »Polizei will's nicht haben.« —