»Ja so, die Polizei will's nicht haben,« sagte Don Gaspar plötzlich ganz ruhig, und während sich Leifeldt so weit er konnte aus dem Wagen bog, den Damen nachzuschauen, lehnte sich der junge Spanier in die Ecke zurück, und schaute still vor sich nieder.
Im Hotel wieder angekommen, wo Leifeldt, unnützen Fragen zu begegnen, das anscheinende Verschwinden des Freundes einem von diesem abgesandten, aber verloren gegangenen Brief zuschrieb, machte sich der junge Deutsche vor allen Dingen auf, Mr. Newland zu besuchen und der Familie die fröhliche Nachricht von dem Wiederauffinden und Zurückkehren des Freundes zu bringen, um diesen dann, wie ihn auch die alten Leute dringend baten, heute Abend noch dort einführen zu können.
Don Gaspar war an diesem Abend so heiter, wie ihn Leifeldt noch nie gesehen — er schien sich selber auf den Besuch zu freuen, kleidete sich mit besonderer Sorgfalt und erkundigte sich, was er bis dahin noch nicht gethan, genau nach den verschiedenen Gliedern der Familie; ihrem Alter, ihren Beschäftigungen, selbst ihrem Äußeren, und Leifeldt wurde nicht müde, ihm zu erzählen.
Der Empfang, der ihm dort wurde, war auch so herzlich, als ob er ein eigener Sohn der alten Leute gewesen wäre; der Greis nur machte ihm Vorwürfe, daß er sich ihrem Dank so lange entzogen und Leifeldts Hand ebenfalls ergreifend, sagte er mit vor innerer Rührung tief bewegter Stimme:
»Mir und uns Allen hier gewiß zum Heil, hat Sie Gott Beide an diese entlegene Küste geführt, denn Ihnen Beiden danken wir das liebe Kind hier, das — ich darf den Gedanken gar nicht ausdenken — auf wie furchtbare Weise ohne Sie hätte umkommen oder an langwieriger Krankheit vielleicht dahin siechen müssen. Betrachten Sie sich aber auch Beide deshalb wie mit zur Familie gehörig und mehr noch wird Ihnen mein Sohn für diesen, besonders ihm erwiesenen Liebesdienst dankbar sein, denn mit Gottes Hülfe hoffe ich sein Fahrzeug doch in den nächsten Tagen wieder hier einlaufen zu sehn. — Aber Jenny, Kind, was stehst Du da in der Ecke, hast unserem lieben Gast noch nicht einmal guten Abend gesagt, und Dich doch so darauf gefreut, ihn begrüßen zu können. Es ist wahr, Don Gaspar, Sie haben uns das Vergnügen recht, recht lang entzogen, und Sie werden sehr oft kommen müssen, nur einen Theil davon wieder gut machen zu können.«
Don Gaspar wandte sich, die Jungfrau ebenfalls zu begrüßen, und Jenny trat in diesem Augenblick auf ihn zu, reichte ihm, wie einem alten Freund, die Hand und sagte herzlich:
»Sie sind willkommen, Don Gaspar, wie die Blumen im Mai, und es hat uns nur Allen so leid gethan, Ihnen das nicht früher sagen zu können — doch es war Ihre eigene Schuld — kommen Sie jetzt nur recht oft, und Sie werden sich wohl bei uns fühlen. — Aber hier, Bill« — wandte sie sich dann plötzlich zu dem kleinen Burschen, der schüchtern hinter ihr stand und an ihrem Kleide zupfte »hier, Bill, das ist der Gentleman, der Bill damals gerettet hat, als little boy so sehr unartig war und auf die Straße hinaus lief, daß grandmama krank wurde und nicht mehr gehen konnte — weißt Du das noch — und giebst Du ihm kein Händchen?«
Bill, die kleinen Finger seiner linken Hand, die ihm Jenny drei- oder viermal herunter bog, immer unverdrossen wieder in das rosige Mündchen schiebend, kam langsam, das Köpfchen niedergedrückt und nur schüchtern zu dem Fremden hinaufschielend, näher, und reichte ihm verschämt das rechte Händchen hin.
Wunderbar war der Eindruck, den Jennys Anblick auf den jungen Spanier machte, und Leifeldt lächelte mit einer Art freudigen Stolz sogar, als er sah, wie sich der Freund dem holden lieblichen Kinde gegenüber förmlich befangen fühlte.
Don Gaspar stand in der That im ersten Moment da, als ob er eine Erscheinung gesehen, und nur wie bewußtlos ergriff er die dargebotene Hand in seinen beiden Händen, und hielt sie sogar noch fest geschlossen, als Jenny sich schon leise von ihm losmachen wollte, ihm den Knaben zuzuführen. Erst dann, als er fühlte, daß sich ihm die Jungfrau zu entziehen suchte, ließ er sie erschrocken frei, und das Kind aufnehmend, das ihn im Augenblick vertraut, mit den großen hellblauen Augen freundlich anlachte, und in seinem kraußen Bart spielte, küßte er den Kleinen auf Wangen und Mund und nannte ihn einen braven kleinen Burschen, der nicht wieder auf die Straße hinauslaufen und seiner guten Großmutter und Schwester Schmerz bereiten würde.