Der Verdacht.

Die nächsten drei Tage war Don Gaspar übrigens nicht zu bewegen, seinen Besuch bei Newlands zu wiederholen, trotzdem sogar, daß ihm Leifeldt eine förmliche Einladung dorthin brachte — er entschuldigte sich mit einem peinlichen Kopfschmerz und trieb sich fast den ganzen Tag am Seestrand herum, einkommende Schiffe zu beobachten. Er war auch still und schweigsam dabei, und es schien fast, als ob nach einer zu starken Aufregung jenes Abends eine Abspannung gefolgt sei, die er sich nicht einmal die Mühe geben wollte, von sich abzuschütteln. Bei Newlands dagegen, bildete er fast den einzigen Punkt, um den sich die Unterhaltung drehte, und mochte das Gespräch, nach welcher Richtung es wollte, sich gewandt haben, der erste Schritt im Hause unten, das zufällige Öffnen oder Schließen einer Thür, brachte fast stets die Worte: »Sollte das Don Gaspar sein?« — Leifeldt war auch schon mehrfach gefragt worden, wie und wo er den Freund kennen gelernt habe, wußte aber die Frage immer zu umgehen und suchte nun auch seinerseits die alten Leute darin zu bestärken, Don Gaspar habe sich an jenem Abend mit der gräßlichen Geschichte — wo sie ja nicht anders denken konnten, als sein Zwillingsbruder sei für ihn erschlagen worden — einen freilich etwas entsetzlichen Spaß gemacht, während Jenny dagegen eben so bestimmt behauptete — und Leifeldt pflichtete ihr im Herzen schon fast bei — der Schluß des wahren Vorfalls sei ihm selber so furchtbar vorgekommen, daß er sich gescheut habe, sie mehr zu ängstigen, und lieber Alles das gewaltsam niederkämpfte, was ihm in dem Augenblicke sicher drohte die Brust zu zersprengen. — Der arme Mann, was mußte er seit der Zeit heimlich gelitten und mit sich herum getragen haben.

Erst am dritten Abend betrat Don Gaspar wieder das Haus der Newlandschen Familie, und dießmal bat er sich Leifeldt selber zur Begleitung an. Wenn die alten Leute aber auch oft und oft versuchten, wieder auf seine frühere Erzählung — bei der sie ihn versicherten, wie sie ihn vertheidigt hätten, zurückkamen, wußte er ihnen doch immer geschickt auszuweichen, und es war so augenscheinlich, daß ihm selbst eine Berührung jenes Abends wehe that, und Leifeldt wie Jenny suchten daher das Gespräch in anderer Richtung zu leiten und zu halten.

Von da an war Don Gaspar ein täglicher Gast in Newlands Haus, und während Leifeldt jetzt mehr und mehr Beschäftigung bekam, wie das Zutrauen in der Stadt zu ihm wuchs und seine Kenntnisse sich entwickeln und Bahn brechen konnten, saß er oft stundenlang mit Jenny am Schachbret, las irgend ein Buch mit ihr, oder erzählte den alten Leuten Abentheuer und Scenen aus seinem wunderbar bewegten Leben.

Er war von der Zeit an fast ein anderer Mensch geworden. — Ruhe und Friede schien in sein Herz eingekehrt, und was er auch früher gelitten und ertragen haben mochte, eine freundliche Gegenwart glättete die schmerzgefurchte Stirn, und das Auge lachte wieder, nicht in erkünsteltem, sondern in wirklichem Glück. Er zeichnete dabei kein einziges Glied des kleinen Familienkreises aus — fand er den alten Herrn allein, so saß er stundenlang mit ihm da und plauderte von Jagd und Ackerbau, von Viehzucht und Weinbau, für den sich der alte Gentleman besonders interessirte, und von der See und der fernen Heimath, — war die alte Dame gut aufgelegt dazu, und das geschah oft, so ging er eben so gern auf all die wunderlichen Kapitel ein, die sie, nach alter Gewohnheit, vor ihm herauf zu beschwören wußte, — dann erzog er mit ihr Kinder und mästete Gänse, legte einen Garten an, oder diskutirte die Vorzüglichkeit des javanischen vor dem brasilianischen Kaffee. — Mit Jenny war er derselbe, ihre Nähe schien aber einen besonders wohlthätigen Einfluß auf ihn auszuüben, kein wildes, aufloderndes Wort kam über seine Lippen, wenn er sich gerade allein mit ihr befand, was ihm sonst doch sogar in Gegenwart der alten Dame manchmal passirte, die aber ihre Freude daran hatte und dann immer meinte, es thäte ihrem alten Herzen ordentlich wohl, noch Feuer und Leben in der Jugend zu sehn und ihren Geist daran zu erwärmen. Aber auch selbst Jenny vergaß er manchmal, wenn ihm gerade die Lust anwandelte, mit dem Kinde zu spielen und er nun mit Bill in ausgelassener Fröhlichkeit in Haus und Garten herumtollte, daß selbst das Kind ihn manchmal ganz ehrbar bat, nicht einen solchen Spektakel zu machen, sondern ihm lieber eine kleine Geschichte, oder ein Märchen zu erzählen, wie er sie zu hunderten zu ersinnen und auszuspinnen wußte.

Anders war es aber mit der Familie selber, so herzlich Don Gaspar von Allen aufgenommen wurde, so erkannte das scharfe, so leicht mißtrauische Auge der Eifersucht bald einen Vorzug, den ihm die Jungfrau selbst vor den Übrigen einräumte. Ein wilder Schmerz durchzuckte Leifeldts Herz, als dort zum ersten Male der Gedanke an eine solche Möglichkeit aufstieg. Er war allein mit Jenny gewesen, und neben ihr sitzend hatte er angefangen von seinen Plänen und Hoffnungen zu plaudern, wie ihn das Glück hier in Valparaiso so weit über Erwarten begünstige, und wie er nun fast schon die Zeit berechnen könne, in der es ihm möglich sein würde, einen eigenen Heerd zu gründen. Das Herz lag ihm heute auf der Zunge, und der Muth fehlte ihm nur noch, dem holden Mädchen seine Liebe zu gestehen, und sie — nicht um ihre Hand zu bitten — der unbemittelte, junge Arzt durfte noch nicht wagen, das Geschick eines so lieben zarten Wesens an das seine zu knüpfen, ehe er ihm mehr als die Aussicht eines sorgenfreien Lebens bieten konnte — aber sie zu fragen, ob sie glaube, sich einst an seiner Seite glücklich fühlen zu können, und dann, mit solcher Gewißheit im Herzen, neuen Anstrengungen und Arbeiten in dem süßen, beseeligenden Gefühl entgegen zu gehen, das Ziel zu kennen, dem er zustrebe, und in ihm gerade sein ganzes Glück und Heil zu finden.

Ob Jenny fühlte, daß der bisherige Freund einer anderen Gestaltung ihres Verhältnisses entgegendränge, — ob sie diese Erklärung fürchtete, oder ihr nur ausweichen wollte in mädchenhafter Schüchternheit, aber sie war unruhig und befangen, stand oft auf, unbedeutende Sachen zu besorgen, und suchte wieder und immer wieder dem Gespräch eine andere, gleichgültigere Wendung zu geben, als plötzlich der Klopfer unten an ihrer Thüre ertönte, und gleich darauf des Spaniers rasche Schritte auf der Treppe gehört wurden.

»Don Gaspar,« rief Jenny, freudig überrascht von ihrem Stuhle aufspringend, zugleich aber dem Blick des jungen Schweden begegnend, war sie Weib genug, zu fühlen, wie wehe sie dem in diesem Augenblick gethan. — Das Blut schoß ihr in die Schläfe, und langsam den eben so rasch verlassenen Sitz wieder einnehmend, setzte sie leiser hinzu: »Er wird sich freuen, Sie hier zu finden.« —

Don Gaspar betrat gleich darauf das Zimmer, und das Gespräch drehte sich um gleichgültige Gegenstände; von dem Augenblicke an aber war der Same des Mißtrauens, der Eifersucht in das sonst so treue, ehrliche Herz des jungen Schweden gefallen, und schlug seine breiten Wurzeln da und wühlte und nagte in all seiner wachsenden Stärke und Furchtbarkeit.

Von dem Tage an war es um Leifeldts Frieden geschehen — je freundlicher, je herzlicher Jenny gegen ihn wurde, desto mehr zog er sich vorsichtig in die innersten Vesten seiner eigenen Brust zurück, denn was bis dahin seinem wachenden, sehenden Auge total entgangen, erschloß sich plötzlich dem von Argwohn bewaffneten Blick mit tödtlicher Schärfe. — Er sah, Jenny liebte den Freund, und das war der Todesstoß all seiner süßen, so heimlich und treu gepflegten Hoffnungen und Träume — das der Sturz seiner liebsten, seligsten Pläne.