Sonderbarer Weise blieb sich Don Gaspars Benehmen, der Jungfrau wie dem Freund gegenüber, vollkommen gleich; oft sahen sie ihn zwei oder drei Tage nicht, die er in der Nähe Valparaisos verbrachte — sein Lieblingsplatz war dann die Seeküste, von wo aus er halbe Tage lang kommenden Segeln entgegenschaute, und kehrte er endlich zurück, so betrug er sich gerade, als ob er nicht einen Augenblick abwesend gewesen wäre und irgend vermißt sein könnte.
Nicht so Jenny; — wie unbewußt sie sich auch bis dahin ihrem Herzen überlassen, so war sie seit jenem Abend, wo der erste mißtrauische Blick des jungen Arztes ihrer eigenen Seele Licht gegeben, ihr selbst gewissermaßen die eigene Brust erschlossen hatte, ganz still und schüchtern geworden, und eine fast krankhafte Erregung schien ihr sonst so heiteres, kräftiges Gemüth umhüllen — ertödten zu wollen. Das Mutterauge entdeckte auch bald die, wirklich auffallende Veränderung selbst in ihrem Aussehen, Jenny leugnete aber, sich anders, als vollkommen wohl zu befinden, und der deshalb von der alten Dame befragte Leifeldt erklärte ebenfalls die Blässe der Wangen, den fehlenden Glanz der Augen für ein leichtes Unwohlsein, das die nächsten Tage wieder heben könnten. Ach, ihm schnitten diese eingesunkenen Augen tief, tief ins Herz, und durfte er sagen, was sie verursacht hatte? — mußte er nicht dem eigenen, hoffnungslosen Schmerz da ebenfalls die Worte geben? — Und Jenny reichte ihm diesmal, als er von ihr ging, die Hand, und preßte sie leise — sie sprach kein Wort, aber dieser einzige Händedruck kündete ihm sein Loos deutlicher, als es Worte je im Stand gewesen — sie dankte ihm für sein rücksichtsvolles Schweigen — und er hätte vergehen mögen vor bitterem Weh.
So waren noch zwei Tage verflossen, und Leifeldt rang in dieser Zeit mit sich, ob er offen zu dem Freunde reden, oder dem Schicksal seinen ungestörten Lauf lassen solle. Mit seinem ganzen ehrlichen, offenen Wesen trieb es ihn, diesem ersten Gefühl zu folgen, immer aber warf er sich selber wieder ein, daß der Spanier die Liebe des jungen, engelschönen Mädchens noch gar nicht einmal zu ahnen scheine, und sollte er es sein, der da mit eigener Hand den Funken in die Pulverkammer schleuderte? — Er konnte sich, so oft er sich auch dazu überreden wollte, es sei das Beste, ja das Einzige, was ihm zuletzt zu thun übrig bliebe, doch immer und immer wieder nicht dazu entschließen, und zögerte damit so lange, bis er sich am Ende selbst wieder einredete, er habe sich doch vielleicht getäuscht, und noch liege die Möglichkeit vor ihm, die Geliebte seines Herzens einst auch die Seine nennen zu können.
So kam Jenny's Geburtstag heran, und Mr. Newland hatte in seinem Hause, diesen Tag zu feiern, eine kleine Festlichkeit angeordnet, zu der, außer mehreren anderen Bekannten, auch unsere beiden Freunde, wie der Buenos-Ayres Konsul, Don Guzman de Ribera, geladen waren.
Dieser begrüßte Don Gaspar wie einen alten Bekannten, — er wußte ja, der junge Mann war von Buenos-Ayres herübergekommen, und er selber, dort geboren, hatte noch zu viel Anhänglichkeit an die Stadt, nicht für jedes ein Interesse zu empfinden, das mit derselben, wenn auch in der entferntesten Berührung stand. Es war das eine Art Heimweh — wenn er sich des Gefühles selber auch kaum bewußt sein mag — wie es den Kamtschadalen an seine Eisfelder, den Sohn der Wüsten an die öden Sandflächen seines Vaterlandes bindet, und Don Guzman war noch dazu ein gar eifriger Anhänger des Diktators, und freute sich der Erfolge, die dieser errungen, mit sichtlichem Stolz.
Don Gaspar schien heute besonders guter Laune zu sein, und so viel Mal auch Don Guzman versuchte, seiner habhaft zu werden, ihm die allerneuesten Nachrichten von »der anderen Seite der Cordilleren« mittheilen zu können, wußte er ihm doch immer wieder zu entgehen, und dem Gespräch eine andere, allgemeinere Richtung zu geben.
Leifeldt dagegen zeigte sich still und zurückgezogen, der Freund hatte Jenny's Seite noch kaum verlassen, seit sie das Zimmer betreten hatten, und der junge Schwede versuchte umsonst der Gedanken ledig zu werden, die ihm mit immer herberer Pein das Herz durchzogen.
»Aber Señor Federigo ist heute Abend so mißgestimmt,« sagte endlich die alte Mrs. Newland, die sich bis dahin fast nur mit Don Gaspar und ihrer Tochter unterhalten hatte, und den jungen Arzt eigentlich erst jetzt in ihrem Gespräch vermißte — »segne meine Seele, ich weiß mich noch wahrlich nicht eines Wortes zu erinnern, das Sie heute den ganzen Abend gesprochen hätten — fehlt Ihnen etwas?« —
»Nicht das Mindeste,« lächelte Leifeldt, etwas verlegen aufstehend und sich ihr nähernd — »aber Sie waren Alle dort so gar lebhaft im Gespräch begriffen.« —
»Und dazu gehören Sie eben so gut, Mr. Leifeldt,« sagte Jenny, freundlich ihm die Hand reichend — »wir sprachen eben davon, wie glücklich wir uns schätzen dürfen, in einem fremden Lande so viele treue und liebe Freunde gefunden zu haben, und wie dankbar wir dafür unserem Schicksal sein müssen.«