»Das Wort Freundschaft ist ein wilder Begriff, Señorita,« erwiederte aber Don Gaspar rasch — »und unsere Sprache ist arm, daß wir nicht im Stande sind, dieß wunderlichste aller Gefühle in seine verschiedenen Klassen einzutheilen.«
»Und haben Sie verschiedene Klassen für Ihre Freundschaft, Don Gaspar?« frug ihn das schöne Mädchen lächelnd.
»Allerdings,« sagte der Spanier rasch — »und so streng geschieden von einander, wie sie das wunderlichste Gefäß im menschlichen Körper — das Herz — zu scheiden vermag — Freunde, die ihr Leben für mich lassen würden« — und er reichte, während er sprach, dem jungen Schweden die Hand — »und Freunde, die mich verfolgen mit — mit ihrer Liebe und mich gern unter die Erde drücken möchten vor lauter Herzlichkeit — Freunde, deren Lächeln schon das Blut in froher Brust durch meine Adern jagt, und Freunde, deren Kuß und Schwur es erstarren machen würde.«
»Und zu welchen dürfen wir uns da zählen?« frug Jenny leicht erröthend.
»Ich brauche Ihnen das nicht mehr mit Worten auszudrücken,« sagte Don Gaspar mit dem herzlichsten Tone seiner Stimme, und während er die Hand des Mädchens ergriff, bemerkte Leifeldt mit tiefem Schmerz, wie es die ganze Gestalt der Jungfrau, einem elektrischen Schlage gleich durchzuckte; »Sie haben mich hier Alle mit so unendlicher Freundlichkeit behandelt« — fuhr der Spanier dabei fort — »ich müßte ein Herz von Stein in der Brust haben, könnte es anders für Sie schlagen, als es thut — aber unser Gespräch wird zu ernst,« brach er dann rasch und plötzlich ab, und Jenny's Hand loslassend und die der Matrone ergreifend, setzte er lachend hinzu — »da, Mama hat schon Thränen in den Augen, und der dürfen wir doch wahrlich den heutigen, fröhlichen Abend nicht verderben.«
In diesem Augenblick wurde zu Tische gerufen, und Jenny trat fast unbewußt einen kleinen Schritt zurück, als ob sie sich der Aufmerksamkeit der Übrigen entziehen wollte, bis — Leifeldt wagte den Gedanken nicht auszudenken und wollte eben an die alte Dame hinantreten, dieser seinen Arm anzubieten, als Don Gaspar schon die Hand der Mrs. Newland in seinen Arm zog, Mr. Newland mit Don Guzman im eifrigen Gespräch langsam dem Speisezimmer zuschlenderte, und der junge Mann jetzt nicht umhin konnte, Miß Newland zu geleiten. Jenny wollte etwas sagen, als er sich ihr zögernd näherte, aber, ob sie fürchtete, ihm wehe zu thun, oder nicht das rechte Wort fand zu beginnen, sie schwieg, und ließ sich von ihm zur Tafel geleiten.
»Aber Don Gaspar,« begann hier Don Guzman, der dem Spanier gerade gegenüber seinen Platz hatte, wie sie kaum ihre Sitze eingenommen — »ich habe Ihnen noch gar nicht erzählen können, daß der chilenische Correo glücklich über die Berge von Mendoza herübergekommen ist, und die Post von ein paar Monaten mitgebracht hat; elf Tage war er in der dritten Casucha[15] drüben im Schnee »verschlossen«, und ihr Chargue[16] mußte er mit seinen Leuten zuletzt trocken kauen, sich nur am Leben zu erhalten — sie wären beinahe verhungert, und der Temporale[17] soll furchtbar gewüthet haben.«
»Die armen Menschen,« sagte Jenny mitleidig — »es ist doch ein entsetzliches Brod, sein Leben auf jedem solchen Marsch tollkühn auf's Spiel zu setzen. Wie Viele sind schon dabei umgekommen, und immer und immer wieder giebt es Andere, die der wenigen Unzen wegen die Glieder dem Frost und Hungertode Preis geben.«
»Und Monte-Video ist immer noch nicht über?« sagte Leifeldt, dem es wohlthat, gerade in diesem Augenblicke mit dem Fremden ein Gespräch zu beginnen.
»Noch nicht, aber es kann sich keinesfalls lange mehr halten,« erwiederte Don Guzman zuversichtlich — »man spricht zwar von einem Waffenstillstand, ich glaube jedoch, daß ihn die Unitarier nur verlangen, zu kapituliren.«