»Unsinn, wahrscheinlich,« lächelte der Spanier, indem er langsam weiter schritt — »blanken Unsinn, wie ich es oft und oft in fieberhafter Aufregung gethan; ein Wunder wär's nicht, wenn ich zuletzt die tollen Märchen selber glaubte, die sie mir wieder und immer wieder vorerzählt, und mich haben zwingen wollen, dem beizustimmen — mit einiger Ausdauer könnte man, glaub ich, dem besten Menschen zuletzt einreden, er habe seine eigene Mutter erschlagen — was habe ich denn gesprochen?«
Die letzten Worte klangen wieder so leise und lauernd, daß Leifeldt auf's Neue stutzig wurde, und den Freund mißtrauisch betrachtete, es lag mehr wie eine unschuldig hingeworfene Erkundigung in der Frage, und er konnte sich nicht helfen, der Verdacht hatte einmal Wurzel geschlagen, er war nicht mehr im Stande ihn so rasch wieder aus dem Herzen zu reißen. Den Kranken deshalb nicht noch mehr zu beunruhigen, oder gar mißtrauisch zu machen, ehe er sich wirklich von dem Gegründetsein seines Verdachtes überzeugt habe, sagte er gleichgültig — und er mußte sich gar gewaltsam zusammen nehmen, seine Fassung zu behaupten: —
»O, nichts Besonderes — die alte Geschichte, nur mit so furchtbarer Wahrheit erzählt, daß dem Hörer das Mark in den Röhren schauderte — Gaspar, Du wärest im Stande, Einen selbst zum Wahnsinn zu treiben.«
Don Gaspar seufzte hoch auf und meinte lächelnd, während er des Freundes Arm ergriff und mit ihm nach dem Inneren der Stadt zurückdrehte: —
»Tolle Geschichten — tolle Geschichten, und Gott sei Dank, daß ich wieder des Himmels freie Luft athme, hier hat das keine Gefahr, daß solche Gedanken überhand nehmen und uns verderben, aber in dem engen Gemäuer fallen sie wie Tropfen häßlichen Giftes ins Ohr und tödten unsere Gedanken im Keime — freie Luft — freie Luft!«
Mit einem inneren Schauder kämpfend, der ihn wohl in der Erinnerung an das Ertragene beschleichen mochte, schritt er rasch neben dem Freunde her, und erst in der Stadt selber schien sich die Wolke zu verziehen, die vor seiner Seele gelagert. Er wurde gesprächiger, heiterer, und ehe eine halbe Stunde vergangen, lachte und erzählte er wieder wie früher.
Anders war es mit dem jungen Schweden. Im Anfang — von den Gräuelthaten umgeben, die Rosas wirklich verübte oder deren er wenigstens beschuldigt wurde — durch sein gutes Herz getäuscht, konnte er in dem angekündigten Kranken, in dem er selber nie auffallende Zeichen wirklicher Geisteszerrüttung beobachtet, wohl einen unschuldig Eingekerkerten glauben, und einmal auf diese Spur gebracht, ist es erklärlich, daß er trotz den oft wilden excentrischen Streichen des Freundes so wenig daran dachte, in ihm einen Tollen zu sehen, als wir bei den Menschen, mit denen wir täglich verkehren, sie mögen sich so wunderlich betragen wie sie wollen, gleich so Entsetzliches vermuthen. Einmal aber solcher Art der Verdacht geweckt, und jede Bewegung des jetzt sorgfältig, wenn auch heimlich Beobachteten, gab Stoff zu neuen Bestätigungen.
So sehr er sich aber nun auch fürchtete, Newlands die furchtbare Nachricht zu bringen, so wußte er doch nur zu gut, daß sie von der Gefahr benachrichtigt werden mußten; nur er selber wollte der Überbringer solcher Botschaft nicht sein, und nach einigem Zögern entschloß er sich, den Argentinischen Konsul aufzusuchen, und diesem die ganze Thatsache, unbeschönigt, unverändert mitzutheilen. Er war sich keiner unedlen Handlung dabei bewußt, und besser jetzt aufrichtig den Fehler gestanden, und den Rath eines erfahrenen Mannes dabei zur Seite gehabt, als dann die furchtbaren Folgen thörichten Schweigens zu spät zu bereuen.
Unter dem Vorwand, einige Patienten besuchen zu müssen, machte er sich von Don Gaspar los, und ging langsam die Almendral hinauf. Der Kopf war ihm wüst, das Herz schwer — er fühlte sich recht, recht unglücklich. Manchmal zwar tauchte auch der Gedanke in ihm auf, jetzt ja den Nebenbuhler zu verlieren, und der kleine Teufel, der in unser Aller Seelen wohnt und wühlt und arbeitet, und dem Herzen des Menschen die Ruhe nimmt, wollte ihm lockende Bilder vormalen, daß ihm nun bald kein Hinderniß mehr im Wege stehen, ja daß Jenny ihm den Frieden ihres Lebens danken würde, wenn er sie von der furchtbaren Gefahr befreie, der sie fast als Opfer gefallen. Aber solche Träume dauerten nicht lange, der Versucher wich, die kalte Vernunft errang sich nur zu bald wieder den Sieg, und er fühlte dann, daß er Jenny wohl vor der Gefahr warnen und bewahren, ihr Herz aber ihm nie und nimmer zuwenden könne — diese Entdeckung vermochte nie ihn glücklich, aber Jenny wohl recht bald elend zu machen.
Wenn Leifeldt übrigens glaubte, den Kranken durch seinen Vorwand, Patienten besuchen zu müssen, getäuscht zu haben, so hatte er sich weit geirrt. Mißtrauisch, wie alle derartige Kranke sind, und mit einer gewissen Schlauheit, die überhaupt den Zustand des Spaniers charakterisirte, hatte Don Gaspar schon an dem Morgen, durch das ganze Betragen Leifeldts nur noch mehr und mehr darin bestärkt, Verdacht geschöpft, der Arzt ahne seinen wirklichen Zustand, und mit dem Verdacht wuchs natürlich auch die Furcht, daß er ihn verrathen, und an seine Feinde wieder ausliefern würde — eine Furcht, die zur Gewißheit wurde, als er den Schweden seine Richtung gerade zu nach der Wohnung des Argentinischen Konsuls nehmen sah, wohin er ihm vorsichtig in der Entfernung gefolgt war.