Unten in der Wohnung, in einer der festen Zellen, lag ein Rasender an Ketten, tobend, bis ihm die fast herkulischen Kräfte versagten, und schwach und lenksam wie ein Kind für die kurze Zeit der Rast, bis die erschöpften Sehnen wieder neues Leben, und dadurch die in ihm gährende Wuth auch, wie es schien, neue Nahrung fand. Die Erinnerung an irgend etwas Bestimmtes schien er verloren zu haben — er ras'te eben blos, nur Rosas Name durfte nicht in seiner Gegenwart genannt werden, wenn man nicht fürchten wollte, daß er selbst diese furchtbaren Banden zerriß, die ihn fast zu Boden drückten. — Seine Zähne knirschten dann über einander, als ob sie zersplittern müßten, der weiße Schaum trat ihm auf die Lippen, und die Augen quollen förmlich aus ihren Höhlen. Es ging ein dumpfes Gerücht im Haus, daß dem Mann, durch die Mashorqueros des Diktators vor seinen Augen und in wenigen Minuten fünf erwachsene Söhne abgeschlachtet wären, aber man murmelte das mehr als einen Vorwurf für den Alten, daß er solch alltäglichen Falles wegen den Verstand verloren, da ihm Rosas noch dazu den Kopf dafür gelassen, — gegen die That selber wagte Niemand ein Wort zu äußern.
Dieser Unglückliche hatte sich an dem einen Handgelenk wundgescheuert, und Stierna, dem schon an diesem Morgen der Auftrag geworden, die Kette abzunehmen und anders zu befestigen, verschob dies als eine, seinem Plan vollkommen günstige Gelegenheit bis zum Abend. Vor Dunkelwerden mußte er das allerdings vornehmen lassen, fand aber noch eine Ausrede in dem ihm gefährlich dünkenden Zustand des Alten, das Abnehmen der Ketten, das ihn wieder aufregen konnte, hinauszuschieben, und rief nun, als er die Zeit für passend hielt und dem Freund das verabredete Zeichen gegeben, die beiden Schildwachen nach vorn zum Haus, dort zur Hülfe bereit zu sein, wenn der Unglückliche, mit dem sie es hier zu thun hatten, vielleicht gerade dann einen seiner Wuthanfälle bekommen sollte. Sämmtliche Wärter der Anstalt interessirten sich ebenfalls für den Alten, der im ganzen Haus nur den Namen el bruto führte, und wer nicht um ihn wirklich beschäftigt war, drängte sich doch in den Gang, zu sehen, wie sich »das Thier« benehmen würde.
Don Morelos ließ indeß die Zeit nicht unbenutzt vorbeigehen — rasch waren die, schon lange durchgefeilten Eisenstäbe ausgebrochen, und mit der Gewandtheit einer Katze glitt er an der schwanken Leiter nieder, schlich zu dem Kaktuszaun, schnitt sich hier mit einem großen Argentinischen Messer, das ihm Stierna ebenfalls verschafft hatte, die Bahn ins Freie, und war wenige Minuten später in der Dunkelheit verschwunden.
Der Schwede hatte indessen die Kette von dem Arm des Unglücklichen nehmen lassen, und die Wunde am Knöchel verbunden, — der Tolle saß auch ruhig dabei, und ließ Alles geduldig mit sich geschehen, neugierig nur starrte er auf die Gesichter der Umstehenden, und es war fast, als ob er in dem Chaos seiner Erinnerungen vergebens nach ähnlichen Zügen suche. Zwei Männer hatten ihn, trotz dem Eisen an den Füßen, halten sollen, da er sich aber so ganz ruhig verhielt, ja so schwach schien, daß er kaum im Stande war, aufrecht zu sitzen, ließen sie die umklammerten Arme los und lehnten seinen Oberkörper an ihre Knie.
Die Wunde war indessen ausgewaschen, fing aber wieder frisch zu bluten an, und Stierna wickelte das mit einer kühlenden Salbe bestrichene Leinen darum, die Blutung zu stillen. Jenes furchtbare, nichtssagende todte Lächeln schwebte dabei um die Lippen des Unglücklichen und zuckte in seinen Wimpern, — der Schmerz des Verbindens machte ihn zuerst aufmerksam auf seinen Arm, und in dem nämlichen Moment fast quoll das Blut durch die Leinwand und färbte diese.
Die Wirkung war entsetzlich, und ehe die hinter ihm Stehenden nur so weit die verlorene Besinnung wieder gewannen, zuzugreifen, hatte sich der, noch vor wenigen Minuten fast hülflose Greis emporgeschnellt, und mit dem tollen Aufschrei »Blut! — Blut! — Das war der erste!« — warf er sich auf einen der Wärter, der die Lampe hielt und schlug ihm, wie ein wildes Thier im Ansprung, die Zähne in die Brust.
»Hülfe!« schrie der Arme, ließ die Lampe fallen und stürzte rückwärts zu Boden nieder — »Hülfe! Erbarmen!« aber der Rasende hatte ihn zu fest und sicher gepackt, und vergebens warfen sich die Wärter jetzt auf ihn, ihn fortzureißen, vergebens schlug ihn Einer derselben, als jede andere angewandte Gewalt nutzlos blieb, mit seiner eigenen Kette auf die Stirn, daß er betäubt zusammenbrach. Die Zähne ließen nicht los, bis sie das Fleisch, das sie gefaßt, vom Körper trennten, und jetzt, an allen Gliedern wieder gefesselt, wurde der noch immer Bewußtlose, mit schnell umgelegten Verbande, in seine Zelle zurückgeschleift.
Stierna mußte jetzt erst noch den schwer verwundeten Wärter verbinden, und dann dem finsteren Schreckenshaus, das noch in seiner letzten Scene so furchtbare Erinnerung für ihn bewahren sollte, ein leises, aber aus innerster Brust kommendes Lebewohl zurufend, warf er sich auf sein draußen angebunden stehendes Pferd, und trabte rasch die Straße hinab, dem inneren Stadttheile zu, wo er seinen jungen Freund an einem, ihm genau bezeichneten Ort schon zu finden hoffte.
Während die Wärter in dem Irrenhaus mit dem Tollen rangen, sprang die Straße hinunter, den Schlamm nicht achtend, der um sie her spritzte, eine dunkle Gestalt mit bleichen, fast geisterhaften Zügen; der Straße Santa Rosa folgend, bog sie erst in die von Santa Clara ein, und vollkommen mit der Lokalität des Platzes bekannt, wie es schien, mäßigte sie erst ihren Schritt, als sie sich einem großen dunklen Gebäude näherte, das die Ecke dieser und der Calle Lima bildeten. In den langen Pancho gehüllt, drückte sie sich, diesem gegenüber, in den dunklen Schatten eines anderen hohen Hauses, von den Vorübergehenden oft und neugierig angestarrt, aber ohne ihrer zu achten, ja vielleicht ohne sie zu bemerken, und blickte, das Antlitz jetzt total in dem weiten Tuche versteckt, daß die glühenden Augen nur eben darüber sichtbar waren, regungslos nach einem dicht verhangenen, und stark vergitterten Fenster des unteren Stocks hinüber, aus dem ein schwacher Lichtstrahl vordämmerte. Aber die Thür öffnete sich nicht — Niemand verließ das Gebäude, Niemand betrat es, und eben das einzelne Licht ausgenommen, hätte man die ganze düstere Steinmasse für öde und unbewohnt halten können.