Es war nahe an zehn Uhr, nur noch einzelne Fußgänger, die hier in dem belebtesten Theil der Stadt, in dem selbst Trottoirs hergerichtet waren, ihren eigenen Wohnungen zueilten, brachen manchmal die stille Öde der Straße, diese aber wichen jetzt scheu der noch immer dort lehnenden Gestalt aus, und beschrieben, selbst den Schlamm des Fahrwegs nicht achtend, lieber einen Bogen um sie, oder kreuzten nach der anderen Seite hinüber. Alle Läden, alle Thüren waren geschlossen, die meisten Lichter sogar schon verlöscht, nur das eine, in dem dunklen Haus warf noch seinen matten Schein auf den Vorhang, der das Innere des Gemaches vollständig den Augen der Vorübergehenden verbarg.
Niemand war jetzt mehr auf der Straße zu hören, eine kleine Patrouille Argentinischer Miliz bog um die nächste Ecke und marschirte, zur Ablösung irgend eines Postens, die Straße hinab, dem Castell zu — ihre Schritte verhallten in der Ferne und deutlich tönte der scharfe eigenthümliche Flügelschlag zahlreicher Züge von Wildenten, die von dem Strom nach den zahlreichen Binnenwässern hinüber oder zurückstrichen, durch die Nacht, und unterbrach die sonst todtenähnliche Stille.
Der Mann in dem dunklen Pancho schritt jetzt rasch quer über die Straße hinüber, horchte einen Augenblick an der Thür und ließ dann zweimal den Klopfer aufschlagen, daß es durch das ganze Gebäude hallte. Wenige Sekunden später ging drinnen eine Thür, ein schwerer Schritt klappte durch das Haus, und eine Stimme von innen heraus frug wer da sei. —
»Viva la confederation![3]« sagte der nächtliche Klopfer mit lauter, ruhiger Stimme.
»Mueran los salvajes Unitarios,[4]« antwortete der im Haus Befindliche, und zwei zurückgeschobene Riegel kündeten gleich darauf, wie er das Feldgeschrei seiner Parthei für eine hinlängliche Bürgschaft des guten Charakters seines nächtlichen Besuches halte, ihm selbst in dieser späten Stunde Einlaß zu gönnen. Gleich darauf wurde ein Schlüssel im Schloß umgedreht und die Thür öffnete sich nach Innen, während das Licht der Lampe, die der Aufschließende in der Hand hielt, voll auf das Antlitz seines späten und ungekannten Besuchers fiel.
»Ave Maria!« sagte der Alte aber fast unwillkürlich, als er das todtenbleiche Gesicht und die dunkelglühenden Augen gewahrte, die auf ihn geheftet waren — »was wünscht Ihr, Señor, zu so später Zeit?«
Der Fremde strich sich mit der Linken das feuchte rabenschwarze Haar aus der Stirn und sagte dann mit ruhiger Stimme, die der unruhige Ausdruck seiner Züge freilich Lügen strafte.
»Ich muß um Entschuldigung bitten, Sie so spät zu stören, aber ein wichtiger Auftrag zwang mich dazu — ist Don Luis de Gomez noch zu sprechen?«
»Don Luis ist nicht zu Hause,« erwiderte der Alte, und musterte jetzt zum ersten Mal, und wie es schien, etwas erstaunt den verstörten und schlammbespritzten Anzug des Fremden, »Ihr kommt wohl aus dem Inneren, Señor?« setzte er dann fragend hinzu. —
»Nicht zu Hause?« wiederholte aber der Fremde rasch und wie es schien ungläubig — »sagt ihm, guter Freund, daß ich ihm wichtige Depeschen bringe, deren Verschieben Unheil über viele Menschen bringen könnte.«