»Nicht von Santa Catharina?« rief die Gräfin, sich erschreckt halb vom Sopha hebend – »dann – dann habe ich die Couverts verwechselt – gieb ihn mir – gieb ihn mir!« – und in einer Aufregung, die besonders Herrn von Pulteleben staunen machte, streckte sie die Hand nach dem Briefe aus.
»Laß ihn mir noch eine Weile, Mutter,« erwiederte aber Helene aufstehend – »er ist so interessant, daß ich ihn gern noch einmal lesen möchte – gute Nacht!« – und ehe sie die Mutter daran verhindern, oder der verblüffte Bräutigam ein Wort dagegen einwenden konnte, schritt sie durch die Stube in ihr dicht daran stoßendes Zimmer und riegelte die Thür hinter sich ab.
»Aber ich begreife gar nicht,« sagte Herr von Pulteleben, ebenfalls aufstehend und seine Schwiegermutter in spe etwas verdutzt ansehend – »was hat nur Helene? Sie war ja auf einmal so furchtbar ernst geworden?«
Die Gräfin wollte Etwas darauf erwiedern – wollte Herrn von Pulteleben eine ausweichende Antwort geben, aber sie vermochte es in diesem Augenblick nicht.
»Ich bitte – lieber Arno – lassen Sie – lassen Sie mich jetzt allein,« sagte sie verstört – »ich habe mit dem Mädchen zu reden – Sie – Sie wissen, welche wunderlichen Launen sie hat.«
»Ich möchte um Gottes willen nicht stören,« sagte der junge Mann, indem er seinen Hut ergriff – »es sollte mir unendlich leid thun, wenn ich vielleicht ...«
»Es ist Nichts – Helene ist – ein verzogenes Kind.«
»Aber liebenswürdig verzogen,« lächelte Herr von Pulteleben in einem vollständig mißglückten Versuch, dem Gespräch eine freundlichere Richtung zu geben. Er fühlte selber, daß er in diesem Augenblick hier unten total überflüssig sei – wenn er auch noch lange nicht begriff weshalb, und in tiefen Gedanken stieg er die Treppe zu seinem eigenen Zimmer empor und legte sich zu Bett. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, und die Gräfin hörte ihn auf den knarrenden Stufen, als sie an Helenen's Thür ging, und dort – fast wie schüchtern – anklopfte.
»Helene!«
Keine Antwort von innen. Sie pochte stärker.