Herr von Pulteleben fühlte sich dadurch beunruhigt – er wußte eigentlich selber nicht recht warum, es müßte denn eine Art von Ahnungsvermögen gewesen sein, was wir bei den Thieren Instinct nennen. Von diesem Instinct getrieben, ging er also einmal zum Baron hinüber, der seinen Spaziergang schon beendet hatte und eben seinen Kaffee trank, und hätte bei diesem zu keiner ungünstigeren Zeit vorsprechen können, denn der Baron war heute Morgen ganz ausnahmsweise sehr schlechter Laune. Der junge Mann hielt sich deshalb hier gar nicht auf, machte eine kleine Promenade um die Stadt herum und sprach dann einmal bei dem Director vor, den er eben von einem Spazierritt hatte zurückkommen sehen. Er ließ sich auch hier gar nicht melden, sondern folgte dem Herrn gleich hinauf und klopfte an, fand aber, daß er schon wieder einmal zur falschen Zeit gekommen sei.
Der Director, der wahrscheinlich mit dem Pferde gestürzt war, denn er hatte ein blau unterlaufenes Auge und eine geschundene Nase, mußte Herrn von Pulteleben's Verlobung von gestern Abend total vergessen haben, denn er ließ ihn nicht einmal hinein. Er öffnete nur halb, fragte ihn ziemlich barsch was er wolle, und drückte ihm dann die Thür wieder vor der Nase zu.
»Hol's der Henker!« dachte Herr von Pulteleben – denn dem sonst so gutmüthigen Menschen lief endlich die Galle über, »da geh' ich doch lieber auf mein Zimmer und lasse die Leute zu mir kommen. Die behandeln Einen ja wie einen – als ob sie Einen auf der Straße aufgelesen hätten!« Und dem Entschluß die That folgen lassend, ging er rasch in seine eigene Wohnung zurück, zog seinen Rock aus, nahm sein Schreibzeug her und entwarf die Idee zu einem Epos, in dem er die Erbärmlichkeit des Menschengeschlechts schildern wollte.
Indessen bereitete sich unter ihm eine andere Scene vor. Oskar war vor etwa einer halben Stunde allein fortgeritten, und Helene, schon vollständig angezogen, aber in einem ganz einfachen Mousselinkleide, öffnete ihr Zimmer, ging zu dem ihrer Mutter hinüber und klopfte an.
»Wer ist da?«
»Ich bin's.«
»Gleich!« sagte die Stimme inwendig – »einen Augenblick nur,« und Helene hörte, wie drinnen ein paar Schiebladen hastig auf- und zugemacht wurden. Jetzt drehte sich der Schlüssel im Schlosse und die Comtesse trat ein.
»Guten Morgen,« sagte Helene ruhig und kalt, und trat zum Fenster, um das eine Rouleau hinauf zu ziehen, und den Sonnenschein herein zu lassen.
»Guten Morgen, mein Kind,« sagte die Gräfin, die sich aber heute, der Tochter gegenüber, merkwürdig verändert benahm, denn sie schien ganz das hochfahrende, nachlässige Benehmen, das sie sonst selbst Helenen gegenüber beibehielt, abgelegt zu haben. Sie stand im Zimmer, sie zu begrüßen, rückte ihr sogar einen Stuhl und sagte:
»Du siehst heute Morgen bleich aus, Helene; hast Du schlecht geschlafen, mein Kind?«