»Ich glaube ich habe gar nicht geschlafen,« sagte Helene ruhig, ohne die Mutter anzusehen – »doch – das hat mit dem Nichts zu thun, über das ich mit Ihnen sprechen möchte.«

»Mit Ihnen?« rief die Gräfin erschreckt – »Helene!«

»Bitte, setzen Sie sich,« sagte das junge Mädchen kalt – »wir haben Manches mit einander zu besprechen, und es ist nöthig, daß dies in aller Ruhe geschieht.«

»Aber um Gottes willen, Helene, was hast Du nur – wie bist Du?« rief die Frau und wollte Helenens Hand ergreifen.

»Was ich habe?« sagte das junge Mädchen staunend und sah ihr zum ersten Mal voll und ernst in's Auge – »und das fragen Sie noch? Aber, bitte, setzen Sie sich, und erlauben Sie vor allen Dingen, daß ich Ihnen einen Brief vorlese, der gestern zufällig in meine Hände kam.«

»Der unglückselige Brief!« jammerte die Frau und setzte sich mit gefalteten Händen und wie gebrochen auf das Sopha nieder.

»Derselbe,« sagte Helene mit eiserner Ruhe, faltete den Brief dann aus einander, den sie die Nacht über schon unzählige Male gelesen und über den sie heiße, bittere Thränen geweint, und las jetzt mit fester, ruhiger, auch nicht die geringste Bewegung verrathender Stimme:

»Liebe Constance!

Anbei sende ich Ihnen – dieses Mal direct – den zweiten Semester-Wechsel für die Erziehung meiner Tochter Helene. Sie sehen, ich habe auch Ihren Wunsch erfüllt und die Adresse an die Gräfin Baulen gerichtet, obgleich ich mit einer solchen Täuschung nicht einverstanden und vollkommen dagegen bin. Ich kenne aber die brasilianischen Verhältnisse nicht, und es mag vielleicht dort nöthig sein. So geschehe es denn Helenens wegen.

Es freut mich, so Günstiges über die Fortschritte des Kindes zu hören, und ich hoffe, daß Sie Ihr Wort halten und wie eine Mutter für sie sorgen.«