»Und hab' ich das nicht gethan, Helene? Hab' ich das nicht immer und immer gethan und Dir jetzt wieder bewiesen, indem ich einen braven Mann für Dich gesucht?« rief die Frau und hob die Hände zu der Jungfrau empor.
»Es grüßt Sie freundlich Ihre Ottilie von ....«
»Der Name wie Ort und Datum fehlen.«
»Hab' ich das nicht immer gethan? Sag' wahr und aufrichtig, ob ich das nicht gethan habe?«
»Nein,« sagte Helene, und das Wort hatte eigentlich keinen Klang, aber es traf doch deutlich und furchtbar an das Ohr der Frau, die ihr Taschentuch herausnahm und es gegen die Augen hielt.
»Wie heißt meine Mutter?« fragte Helene endlich mit derselben tonlosen Stimme wie vorher – »wie heißt sie und wo wohnt sie, und welches Geheimniß liegt auf meiner Abstammung, daß ich hinausgeschickt wurde unter fremde Menschen?«
»Liebe Helene,« sagte da die Frau, das Tuch vom Gesicht nehmend und ihre Augen trocknend – »ich habe einen furchtbaren Eid schwören müssen das Geheimniß zu bewahren, wenigstens so lange zu bewahren, bis ich den Auftrag dazu von Deiner Mutter selber bekomme, es Dir mitzutheilen. Ich darf und kann den Eid nicht brechen – fordere es nicht!«
Helene schwieg; ihr Auge haftete noch immer fest auf der Frau und ein schwerer Seufzer hob ihre Brust.
»Ich bin mündig,« sagte sie endlich – »ich bin einundzwanzig Jahr. Darf mir der Name meiner Mutter – meiner Eltern länger vorenthalten werden?«