»Ja, lieber Gott,« sagte der Mann, »es war einmal so ein vornehmer deutscher Herr, so ein Consul, glaub' ich, war's, oben, und der wohnte bei unserm Herrn und ritt immer mit ihm spazieren, und das war ein Tractiren und eine Festlichkeit! Dem klagten wir unser Leid und fragten ihn, ob er uns nicht helfen könnte, denn es ginge uns doch gar zu schlecht und wir wären lauter ehrliche, brave Menschen, die ja nichts Unrechtes wollten, blos ihr Recht. Aber der Herr zuckte die Achseln und meinte, wir sollten nur noch eine Weile geduldig ausharren, bis wir das abgearbeitet hätten, was der Herr für uns ausgelegt habe, und dann wären wir ja wieder frei und könnten thun und lassen, was wir wollten.«
»Und habt Ihr das gethan?« fragte Rohrland.
»Ach nein, lieber Herr,« sagte der Mann wehmüthig – »wie sich's nachher herausstellte, wären wir damit im ganzen Leben nicht fertig geworden. Aber es kam wieder einmal vor ganz kurzer Zeit ein anderer Herr hin und erkundigte sich nach Allem, und dann reiste er wieder fort und kam nachher zurück und sagte uns, wir brauchten nicht mehr dort zu arbeiten, denn unser Herr hätte nicht ordentlich in seine Bücher eingeschrieben, was der Kaffee gekostet und was er verdient habe an uns, und es wäre sehr leicht möglich, daß wir unsere Schuld schon zehn Mal bei ihm abgearbeitet hätten. Aber es ließe sich Nichts weiter dagegen machen, denn er sei ein sehr vornehmer Herr, und hätte eine Menge Verwandte in Rio – und der Brasilianer wollte uns auch noch nicht fort lassen, aber da wurden wir böse, und wie er sah daß er Nichts mehr ausrichten konnte, da ließ er uns eben ziehen.«
»Und habt Ihr Euch in der ganzen langen Zeit gar Nichts verdienen können?« fragte Spenker kopfschüttelnd – »zehn Jahre waret Ihr dort oben, nicht wahr?«
»Zehn Jahre und zwei Monate,« bestätigte der Mann – »aber verdienen? Du lieber Gott! Nichts als was wir auf dem Leibe tragen, und vielleicht Jeder noch ein Hemd zum Wechseln. Ja, in dem Brasilien geht das nicht so rasch.«
»Nicht so rasch?« rief Rohrland erschüttert von der einfachen, rührenden Schilderung des Mannes, »der Zuhbel, der Benkhof, der Binder, der Metweiher, der Wurzer, die sind alle nur erst zehn Jahre hier, der Bellheim erst acht, der Bastel drüben gar erst sieben, und mit Nichts herübergekommen, mit Nichts in der Gotteswelt als einer kleinen Lade voll Wäsche und einige achtzig Milreis Schulden obendrein, und kommt zu denen hinaus, seht, was sie für eine hübsche Chagra, Vieh, Ackergeräth, Häuser und gesunde Familien haben, und abgehen ließen sie sich in der Zeit doch auch wahrlich Nichts.«
»Ja, Manchem glückt's,« seufzte der Mann – »aber die Gegend soll ja auch gut sein, und der Herr, der uns frei gemacht und uns auch freie Fahrt auf dem kleinen Schiff hieher geschafft hat, gab uns die Versicherung, daß wir hier ein Unterkommen finden und von dem Director Unterstützung bekommen würden. – Aber 's ist wieder Nichts, und was wir jetzt mit uns anfangen sollen, weiß nur Gott – ich nicht!«
»Wart ihr schon bei dem Director?« fragte Spenker rasch.
»Ja – unserer Drei. Wir baten ihn um ein Stückchen Land und ein paar Milreis Subsidiengelder, daß wir nur anfangen könnten – lieber Gott, schaffen wollen wir ja schon und können's auch. Aber er schlug es uns rund ab und meinte, wer schon zehn Jahre in Brasilien sei und noch keinen ordentlichen Rock auf dem Leibe hätte, mit dem wolle er auch Nichts zu thun haben, und je eher wir machten, daß wir wieder aus seiner Colonie kämen, desto besser.«
»Aus seiner Colonie?« rief Berthold in voller Entrüstung – »na, Gott straf' mich, 's wird doch alle Tage besser! Aus seiner Colonie! Aber heute geht Ihr noch nicht, Ihr Leute, und morgen auch nicht und übermorgen auch nicht, und dann wollen wir doch einmal sehen, ob die Colonisten hier in der Nachbarschaft nicht so viel zusammen auftreiben können, um ein paar arme Landsleute, die zehn Jahre in der Sclaverei gewesen, wieder auf die Beine zu bringen. He, Landsleute!« wandte er sich, plötzlich aufstehend, an die übrigen Gäste, von denen sich nach und nach eine ziemliche Zahl im Zimmer gesammelt und an den verschiedenen Tischen vertheilt hatte – »hier sind zwei arme deutsche Familien eben aus so einem schurkischen Parcerievertrag von Minas Geraes herunter gekommen – krank dabei und elend, denen der Director Subsidien verweigert, und die er wieder aus der Colonie jagen will, weil sie kein Geld mitbringen. Sollten wir denn nicht hier unter uns so viel zusammenbringen können, um den armen Leuten einen vergnügten Abend zu machen und ihnen zu beweisen, daß sie wieder unter Landsleuten und nicht unter Sclavenhaltern sind? Hier ist von mir ein Milreis – wer hat noch ein Bißchen klein Geld bei sich?«