»Und von dem Mörder des Schneiders hat man ebenfalls keine Spur? Gar keinen Verdacht?«

»Keinen – der liederliche Gesell hatte zu wenig Geld bei sich, als daß das könnte einen Menschen zum Morde gereizt haben, und, kleine Häkeleien ausgenommen, hat er sich auch Niemanden in der Colonie so zum Feinde gemacht, daß man glauben könne, der Mord sei irgendwie aus Rache verübt. Es bleibt räthselhaft.«

»Der Director kann doch unmöglich Köhler für schuldig halten?«

»Sicher nicht,« sagte Könnern, »aber eine bessere Gelegenheit fände er im Leben nicht, sich an dem zu rächen, der ihn einmal mißhandelt hat, und daß er sie eben benutzt, liegt in seiner Natur.«

»Gut, dann wollen wir einmal sehen, was wir gegen ihn ausrichten können. Die erste Warnung vor dem Mann, der hierher als Director gesetzt ist, hat der Minister des Innern schon von mir aus Santa Catharina bekommen; jetzt ist Nichts weiter nöthig, als in Santa Clara die genauen Daten der letzten Vorfälle zu sammeln, und dann gehe ich selber mit der nächsten Gelegenheit nach Rio ab, um das Weitere zu betreiben.«

»Sie wollen wirklich fort – und dann nach Deutschland?«

»Dann nach Deutschland, nach meinem Thüringen!« rief Günther, und spornte fast unwillkürlich sein Pferd zu schärferem Trab, als ob ihn schon der Gedanke seinem Ziele rascher entgegenführe.

»Und Sie kommen vorher nicht noch einmal hieher zurück?«

»Hieher? Gewiß nicht! Ich habe das wilde, unstäte Leben recht von Herzen satt bekommen und muß doch jetzt auch wieder einmal fühlen lernen, wie einem wirklichen Menschen zu Muth ist. Sechs Jahre, Könnern – sechs Jahre lebe ich jetzt hier, mit dem Bewußtsein, daß Alles, was mir lieb und theuer auf der Welt ist, da drüben treu und geduldig, aber mit immer wachsender Sehnsucht meiner harrt. Jetzt ist's genug! Der Brief, der mich drüben anmeldet, ist schon damals von Santa Catharina abgegangen; jetzt habe ich weiter Nichts in Rio zu thun, als meine Berechnungen vorzulegen und mein Geld einzucassiren – wobei ich aber dafür sorgen werde, daß Sarno Gerechtigkeit widerfährt, und dann mit dem nächsten Dampfer heim – heim – es giebt ja gar kein schöneres Wort in unserer reichen, deutschen Sprache – heim

Könnern war schweigend neben ihm hingeritten, denn die heiße Sehnsucht, welche den Freund zurück in die Heimath trieb, fand in seinem Herzen keinen Wiederklang. Für ihn war die Heimath todt und leer, denn all' sein Hoffen, all' sein Lieben deckten die düsteren Schatten des brasilianischen Urwaldes – vielleicht schon mit Todesnacht – arme Elise!