»Aber weshalb, um Gottes willen, hast Du den Verdacht, der fast an Gewißheit gränzt, nicht schon lange ausgesprochen?« rief Könnern vorwurfsvoll – »und der arme Köhler sitzt die ganze Zeit!«

»So?« sagte Jeremias, »und wenn ich Etwas gegen den Buttlich oder einen von den Consorten hätte merken lassen, dann wär' der Bux wohl nicht unter Hand gewarnt worden, nur um den Köhler noch ein Bißchen länger unter dem Daumen zu halten? Und dann, sollt ich's denen wohl auch auf die Nase binden, daß ich so viel Geld hätte, um es verstecken zu müssen? – Über jeden Milreis würden sie mir Rechenschaft abverlangt haben, und meines eigenen Lebens wäre ich von da an keinen Augenblick mehr sicher gewesen. Nein, lieber nicht, und ich hätt's auch jetzt noch nicht, und selbst Ihnen nicht gesagt, wenn nicht – der Köhler heute krank geworden wäre. Der arme Teufel hält die Hitze in dem Loche aber nicht mehr lange aus, und wenn dem 'was passirte – das möcht' ich nicht auf dem Gewissen haben – da noch lieber die Angst, bestohlen zu werden. Fassen sie den Bux, so kommt's nachher mit meinem Gelde auch heraus, das ist sicher, denn gestehen muß er und wird er, weshalb er den Justus todtgeschlagen. Nachher freue ich mich aber nur auf das dumme Gesicht von ihm, wenn er erfährt, wo er sein Geld die Nacht hingeworfen hat, und daß ich beinahe eben so erschreckt gewesen wäre, als er selber.«

»Dann wollen wir augenblicklich hinunter und die Anzeige machen,« rief Könnern rasch.

»Nein,« sagte Jeremias ruhig, »wir wollen gerade das Gegentheil thun und augenblicklich hinaufsteigen und meinen Versteck betrachten, damit Sie sich erst von Allem überzeugen, und nachher noch lange keine Anzeige machen, bis wir den Bux fest haben. Wissen Sie ungefähr wo er steckt, so wird das auch nicht so schwer halten, und wenn wir dem Herrn Director dann die Beweise unter die Nase reiben, muß er den Gefangenen herausgeben, oder – wir stecken ihm das Haus über dem Kopf an und räuchern ihn zum Tempel hinaus. Gott straf' mich, es wird überhaupt Zeit, daß die Wirthschaft einmal ein Ende nimmt!«

Könnern mußte sich, er mochte wollen oder nicht, dem kleinen Burschen fügen, der sein Pferd in das Dickicht führte und dort anband und dann mit ihm in die Schlucht hinaufstieg, damit er mit dem Terrain genau bekannt würde. Dabei erzählte er ihm eine Menge Einzelheiten aus Bux' Leben, wie er seine Familie mißhandelte und sich überhaupt die kurze Zeit in der Colonie benommen habe, und kehrte dann Nachmittags mit dem jungen Mann nach Santa Clara zurück, wo dieser ohne Säumen die beiden Freunde aufsuchte, um mit ihnen das Nöthige zu berathen.

Herr von Schwartzau billigte auch ganz Jeremias' Vorschlag: vor allen Dingen sich der Person des wahrscheinlichen Mörders zu versichern, ehe man gegen den Director ein Wort von dem Verdacht äußerte. Es schien allerdings kaum möglich, daß dieser, nur um einem Gefühl der Rache zu folgen, dem wirklichen Verbrecher Gelegenheit zur Flucht verschaffen würde, aber – sicher blieb sicher, und er hatte nachher keine Ausrede mehr.

Graf Rottack erbot sich augenblicklich, Könnern zu begleiten, brachte das doch einmal eine Abwechslung in sein monotones Leben, wie er meinte, und die jungen Leute beschlossen, keinem Menschen ein Wort von ihrer Expedition zu sagen. Daß Jeremias schwieg wußten sie außerdem, und je geheimer das Ganze betrieben wurde, auf desto sicherern Erfolg konnten sie rechnen.

An dem nämlichen Tage hatten fast sämmtliche Einwohner Santa Clara's auf Günther's Veranlassung eine Adresse an die Regierung in Rio aufgesetzt und unterzeichnet, in der sie mit einfachen aber klaren Worten die gegenwärtigen Verhältnisse und deren Rechtszustand schilderten und um Abhülfe baten. Sie sagten außerdem darin, »sie wollten die Regierung nicht drängen, ihren jetzigen Director wieder abzurufen, obgleich es keinen verhaßteren Menschen in der Colonie gäbe, aber das könnten sie verlangen, daß wenigstens ein ehrlicher Mann als Delegado ihnen zugetheilt würde und die Polizeigewalt, nicht länger in Einer Hand mit der bürgerlichen Obrigkeit sei. Die Colonisten wären sonst verrathen und verkauft und hätten keinen Platz in der Welt, wo sie Recht und Gerechtigkeit bekommen könnten, als das abgelegene und schwer zu erreichende Rio de Janeiro.«

Der eigentliche Postdampfer, der zwischen den Colonien und Rio, angeblich regelmäßig, lief, wäre allerdings schon wieder seit zwei Tagen fällig gewesen, aber es herrscht unter den Dampfern aller jener Linien an der brasilianischen Küste eine solche consequente Unregelmäßigkeit, daß man nie mit Sicherheit darauf rechnen konnte; ja, es war schon vorgekommen, daß der eine vierzehn Tage über seine Zeit ausblieb und der andere dann dicht hinter ihm her oder mit ihm gar zu einer Zeit eintraf.

Günther wollte sich also dem nicht aussetzen und nahm Passage auf einem nach Rio bestimmten Schooner, demselben, der die Parcerie-Colonisten hieher gebracht und indessen eine Ladung Bohnen, Maniokmehl und etwas geräuchertes Fleisch eingenommen. Er hatte die ganze Nacht gearbeitet und seine Karte über die Vermessung der Colonie beendet und copirt, da er die Copie dem Director zurücklassen mußte, schickte ihm dieselbe am nächsten Morgen in's Haus und nahm dann von den Freunden Abschied, die ihn bis zur Landung hinunter begleiteten. Beide junge Leute versprachen ihm auch fest, ihn in der Heimath aufzusuchen, sobald sie selber wieder Fuß auf deutschen Boden setzen würden, und eine halbe Stunde später sprengten Graf Rottack und Könnern auf der Straße hinaus, die an der Meierei vorüber in den Wald führte.