»Nun, das geht an; dann brech' ich aber in einer Stunde auf. – Und wann kommen Sie nach?«
»Morgen früh wird die Leiche des alten Mannes beerdigt, dann hält mich hier Nichts weiter, und wenn es irgend möglich ist, bringe ich die Familie des Verbrechers gleich mit. Wir müssen jedenfalls sehen, daß wir für die arme Frau ein Unterkommen in der Colonie finden.«
»Das giebt wieder eine passende Beschäftigung für mich,« sagte Rottack, indem er zu seinem Pferde ging und es absattelte. Es mußte erst ein Wenig gefüttert werden, ehe er den Heimritt darauf antreten konnte.
9.
Herr von Pulteleben.
Nur verhältnißmäßig kurze Zeit war doch vergangen, seit Sarno die Colonie Santa Clara verlassen und Baron von Reitschen sein Regiment dort begonnen hatte, und welche traurige Veränderung brachte dieser kurze Wechsel in dem sonst so gemüthlichen, selbst freundlichen Orte hervor! Jede Beschäftigung schien darnieder zu liegen; die Colonisten zeigten zu keiner Arbeit mehr Lust; die Handwerker saßen den Tag über in der Schenke, um ihrem Ingrimm bei einem Glas oder mehreren Gläsern Bier Luft zu machen, und Herr von Reitschen – regierte indessen ruhig weiter und verübte unter dem Schutz seiner, stets bis an die Zähne bewaffneten Soldaten, jede Willkür, die ihm irgend beliebte.
Die wenigen Menschen, die noch zu ihm hielten – und das waren in der That wenige genug – wurden in jeder Weise begünstigt und konnten thun und lassen was sie wollten; die Übrigen durften nicht einmal ihr Recht fordern, wo es gekränkt worden, und die Soldaten besonders verübten in rohem Übermuth so viel nutzlose Streiche, daß wirklich der urgeduldige deutsche Charakter dazu gehörte, das Alles zu ertragen, ohne gewaltsam dagegen aufzustehen.
Herr von Reitschen kümmerte sich um das Alles nicht; er machte mit dem Baron, von dem er jetzt unzertrennlich schien, seine regelmäßigen Spaziergänge – bei denen er aber stets einen Revolver bei sich führte – und hatte dem Baron sogar, was er den armen Parcerie-Arbeitern rund abgeschlagen, eine der bestgelegenen Colonien gratis überlassen, der Regierung gegenüber unter dem Vorwande natürlich daß der Baron eine »Musterwirthschaft« darauf anlegen und dadurch den Ackerbau in der Colonie »wissenschaftlich« heben wolle.
Der gute Baron, der nicht einmal seine eigene kleine Chagra hatte lebensfähig verwalten können!
Natürlich machte das Alles nur immer mehr böses Blut, aber es half eben Nichts – es blieb Alles beim Alten, und nur der Polizeizwang wuchs von Tage zu Tage. Besonders litt darunter der arme Köhler, der immer noch in seinem Gefängniß stak und trotz seiner sonst gesunden Natur ein Fieber davongetragen hatte. So wenig weitere Beweise aber gegen ihn vorlagen, schien der Director fest entschlossen, sich an dem jungen Bauer für die erlittene Behandlung zu rächen, wo er die Gewalt dazu so trefflich in Händen hatte, und was etwaige Klagen oder Beschwerden der Colonisten selber in Rio de Janeiro betraf, so vertraute er dabei mit ziemlicher Sicherheit dem Schlendrian der brasilianischen Obergerichte, deren Gefahr sich auf Null reducirte, wenn er seine eigenen dort lebenden Freunde mit in Rechnung brachte. Er wußte auch besser als mancher Andere, daß sich alle diese Beamten, theils so oder so, compromittirt hatten, und nur dadurch, daß sie Einer den Andern hielten, konnten sie selber hoffen, keine Untersuchungen gegen sich und ihr eigenes Gebahren aufgebracht zu sehen.