Ganz Südamerika leidet ja an dem nämlichen Übel.

Äußerst wenig um die politischen, aber desto mehr um seine eigenen Verhältnisse kümmerte sich indessen Herr von Pulteleben, der bis dahin des festen und süßen Glaubens gelebt hatte, daß er mit schwellenden Segeln in einen reizenden und vollkommen sichern Hafen eingelaufen sei, und mit der ersten Morgendämmerung zu seiner Bestürzung fand, er sei gar nicht mehr flott, sondern sitze wie fest genagelt auf dem Trockenen in Schlamm und Sand, mit keiner Aussicht wieder loszukommen.

Von dem Augenblick an, wo er Helenens Brief erhielt, war er solcher Art von dem Gipfel seiner Hoffnungen herunter gerutscht – im Anfange zwar noch langsam und widerstrebend, je mehr er aber in Schuß kam, desto rascher, und jetzt fuhr er mit einer Schnelle in die Tiefe der prosaischen Wirklichkeit hinab, daß ihm ordentlich selber die Sinne darüber vergingen.

Umsonst hatte er sich dabei mit einer wahrhaft rührenden Ausdauer bemüht, von der einst gehofften Schwiegermutter genügende Auskunft über Helenens räthselhaftes Betragen zu erhalten. Das Einzige was er von ihr erhielt, war die Erlaubniß, die einlaufenden Rechnungen zu bezahlen, und daß er unter solchen Umständen darin bald ermüdete, läßt sich denken.

Das erste Resultat war, daß die Arbeiter ihre Beschäftigung einstellten, was ihn aber nicht im Geringsten mehr interessirte, denn er hatte den Arbeitsplatz schon lange nicht mehr betreten, und er schloß nur daraus, das noch genügender Absatz vorhanden sei, weil die aufgestapelten Kisten mit frischen Cigarren zusehends abnahmen – ohne daß er selber freilich das Geld für eine einzige derselben eincassirt hätte.

In der Colonie konnten diese Vorgänge natürlich auch nicht unbeachtet bleiben, denn daß die Comtesse ihrer Mutter Wohnung verließ und zu fremden Leuten zog, war ein zu sehr in die Augen springendes Factum. Aber mit anderen, wichtigeren Dingen beschäftigt, bildete man sich rasch eine eigene Motivirung dieses Schrittes, die auch manches Wahrscheinliche für sich hatte. Diese lautete: die alte Frau Gräfin wolle der Comtesse den Herrn von Pulteleben zum Mann aufdringen, die Comtesse wolle aber den Herrn von Pulteleben nicht haben, und da sie allbekannt stets sehr selbstständig aufgetreten, so war sie einfach aus dem Hause gezogen, bis es der ihr nicht zusagende Bräutigam verlassen habe. Sobald der fort war, würde sie natürlich zu ihrer Mutter zurückkehren.

Das klang freilich nicht sehr schmeichelhaft für Herrn von Pulteleben, aber der arme Teufel sah, wenn er recht darüber nachdachte, selber keinen andern Grund für das merkwürdige Betragen seiner früheren Braut, und begriff dann nur nicht, weshalb sie früher so freundlich mit ihm gewesen war und selbst die Verlobung stillschweigend geduldet hatte. – Er ärgerte sich jetzt noch, wenn er daran zurückdachte, daß er sich nicht wenigstens an jenem Abend den Verlobungskuß hatte geben lassen, und daran war Niemand weiter schuld, wie der nichtsnutzige Junge, der Oskar, mit seinen albernen Streichen. Über die Tafel hinüber ging das freilich nicht.

Und was sollte jetzt werden? Sein Geld ging auf die Neige, neuen Zuschuß von Hause konnte er kaum unter drei Monaten erwarten – und was würden sie zu Hause sagen, wenn sie von der rückgängig gewordenen Verbindung mit der Comtesse hörten? – Er wollte – er mußte fort – aber die Schwiegermutter – er hatte eine Heidenangst vor der Frau Gräfin, und saß heute wieder in seinem Zimmer, wo er schon so oft gesessen, und überlegte und grübelte, wie er sich am Besten und Anständigsten aus der Affaire ziehen könne.

Draußen wurden Schritte laut, und gleich darauf ging die Thür auf, durch die Oskar, eben von einem Ritt zurückkehrend, trat und sich mit einem »Donnerwetter, ich bin müde!« auf das Sopha warf. Herr von Pulteleben rührte sich nicht, und Oskar, der ihn eine Weile von der Seite betrachtete, lachte; endlich sagte er:

»Na, Pulteleben, Sie schneiden ja ein Gesicht, als ob Ihnen die Petersilie verhagelt wäre. Was ist nun wieder los?«