Das Diner ging so vorüber — Oskar plauderte in Einem fort, ob ihm Jemand zuhörte oder nicht — der Baron und die Gräfin, in deren Gespräch sich Helene nur manchmal mischte, unterhielten sich lebendig, und nur Vollrath schwieg hartnäckig still. Ein paar Mal schien er freilich den Mund öffnen zu wollen — aber es blieb eben immer nur bei dem Versuch, und Helenen war es nicht entgangen, daß er irgend Etwas auf dem Herzen trage, was ihn beenge — wußte sie was es war? Aber so unbefangen sie sich stets gegen ihn gezeigt, so unbefangen blieb sie auch heute, und als das Diner beendet und die kleine Gesellschaft in den Garten gegangen war, legte sie ruhig und lächelnd ihren Arm in den seinen und sagte: »Kommen Sie, Herr Vollrath, wir wollen ein Wenig auf und ab gehen. — Oskar ist heute unausstehlich, weil ich ihm in unserem Wettrennen vorgekommen bin, und Mama hat, wie es scheint, mit dem alten steifen Baron eine so hochwichtige Besprechung, daß sie alles Andere, was um sie her vorgeht, zu vergessen scheinen.«

Vollrath schoß das Blut in Strömen in's Gesicht, aber er verbeugte sich leicht, nahm den Arm und schritt mit der jungen Schönen den Garten entlang. Helenen aber genügte der beschränkte Raum heute nicht: war es die Aufregung des scharfen Rittes, war es der Ärger über den Bruder, kurz, sie stieß die kurze Gartenpforte auf, die an dieser Seite gerade nach den zu einer Art von Promenade umgewandelten Büschen hinausführte, und wanderte langsam mit ihrem Begleiter den schmalen Weg entlang, der, immer in Sicht der Häuser, sich fast um die Ansiedlung schlängelte.

Oskar hatte sich in die Laube auf eine Bank gelegt und rauchte, ein Bein über das andere gelegt, seine Cigarre, und die Gräfin ging mit dem Baron wieder in eifrigem Gespräche im Garten auf und ab.

»Aber, verehrte Frau,« sagte der Baron jetzt, »Sie rücken noch immer nicht mit Ihrem Projecte heraus. Sie reden nur fortwährend von glänzenden, sorgenfreien Aussichten, von Rückkehr in die Heimath, von — ich weiß selber kaum was, und den eigentlichen Kern dieser Frucht halten Sie im Dunkel. Sie glauben doch sicher nicht, daß ich einen Mißbrauch damit treiben und als Ihr Concurrent in irgend einer glücklichen Speculation auftreten könnte?«

»Mein lieber Baron — nein, das nicht,« sagte die Gräfin nach einigem Zögern, »und ich habe auch den Entschluß jetzt gefaßt, Sie zu meinem Vertrauten zu machen — vielleicht werden wir doch noch Compagnons,« lächelte sie dazu.

»Ich bin auf das Äußerste gespannt,« sagte der Baron.

»Sie müssen bemerkt haben,« fuhr die Gräfin fort, »daß mir sowohl wie Helenen eine Beschäftigung in diesem Lande fehlt.«

Des Barons Blick suchte unwillkürlich die junge Dame, die er gerade noch durch eine Lücke der Bäume mit ihrem Begleiter erkennen konnte.

»Helene besonders,« fuhr die Gräfin fort, »hat mich schon lange gebeten, eine leichte Arbeit aufzufinden, mit der sie die langen Tage besser hinbringen könne, denn immer Lesen und Clavierspielen geht ja doch auch nicht, noch dazu in einer so prosaischen und sogenannten praktischen Umgebung, wie die ist, in der wir uns befinden.«

»Ich werde immer gespannter,« versicherte der Baron, und er hatte die Augenbrauen schon bis unter den Hut hinaufgezogen.