»Ich bin kein anderes gewöhnt,« sagte Elise, während aber doch ein leichter Seufzer ihre Brust hob; »Vater und Mutter sind so gut mit mir, und Alles, was ich brauche, habe ich im Überfluß. Was könnte mir die geräuschvolle Welt da unten mehr bieten? Je mehr ich auch davon sehe, desto weniger gefällt sie mir, und ich habe es dem Vater oft schon im Stillen gedankt, daß er uns hier oben so vollkommen von dem Verkehr mit der Ansiedelung abgeschlossen.«
»Aber was haben Sie schon davon gesehen?«
»Was? O, viel!« sagte Elise erstaunt. »lärmende, trunkene Menschen, die gar nicht selten unser Haus passirten, Klagen der Arbeiter im Überfluß, und Zank und Streit, Neid und Haß der einzelnen Colonisten, die manchmal den Vater bitten, zwischen ihnen zu entscheiden, damit sie keinen Advocaten anzunehmen brauchen. Es ist recht traurig, daß die Menschen nicht in Frieden neben einander leben können, und Vater hat gewiß ganz Recht gehabt, daß er sich von ihnen zurückgezogen. Wir leben jetzt hier viel glücklicher in unserer Einsamkeit, wo wir Nichts von all' dem Lärm und Unfrieden zu hören bekommen — und doch sehnt sich Mutter hinaus und zurück in die Welt.«
»Sind Sie schon lange in Brasilien?«
»Sieben Jahre mögen es sein — vielleicht etwas weniger, und damals war die Colonie da unten ein kaum begonnener Platz, auf dem erst wenige Häuser standen. Erst in den letzten zwei Jahren begannen die Auswanderer hierher den Weg zu finden — der Vater sagt, weil ihnen lügenhafte Speculanten vorgeschwindelt hätten, daß der Boden hier so außerordentlich fruchtbar sei — und jetzt vergeht fast kein Monat, an dem nicht Schiffsladungen voll von ihnen ankommen.«
»Das ist auch jetzt wieder der Fall,« meinte Könnern, »und wir sind gerade heute heraufgekommen, um das nächstgelegene Land für neue Colonisten auszumessen. Sie werden dann wahrscheinlich auch hier oben eine Menge neuer Nachbarn bekommen.«
»Dann zieht Vater gewiß weg von hier,« lachte Elise, »denn er hat schon oft davon gesprochen, so hübsch er den Platz auch mag eingerichtet haben. Wenn Mutter nicht dagegen gewesen wäre, Vater säße schon lange wieder irgendwo mitten im Walde ganz allein.«
»Aber weshalb scheut er die Menschen so? Haben sie ihm je Etwas zu Leide gethan?«
»Ich weiß es nicht,« sagte Elise treuherzig; »er spricht nie darüber und hat sogar —« sie schwieg plötzlich, und ein leichtes Roth färbte ihre Wangen.
»Was hat er?« fragte Könnern, weniger aus Interesse an der Frage, als an der Jungfrau selber, die durch ihre schlichte Einfachheit einen ganz eigenen Zauber über ihn auszuüben begann.