»Sie wollen ein hübsches Zimmer, vorn heraus und mit Aussicht?« redete ihn da plötzlich eine Stimme an, nach der sich von Pulteleben überrascht umschaute. Jeremias, denn niemand Anderes war es, der vor ihm stand, sah aber auch in der That wunderlich genug aus, um Jemanden zu überraschen, der frisch aus Deutschland herüber kam und an jene exotischen Individuen noch nicht gewöhnt war, die man über ganz Amerika wild zerstreut findet.

Jeremias war, wie schon vorher einmal angedeutet, eine Art von Factotum in der Colonie. Er trieb eigentlich gar keine bestimmte Beschäftigung, sondern nahm nur da Arbeit an, wo er sie gerade bekam, so daß er oft fünf oder sechs verschiedene Herren zu gleicher Zeit, und dann wieder einmal gar keinen hatte. Dazwischen ließ er sich Wege schicken, putzte den Honoratioren Stiefel und Röcke, reinigte Gewehre und Pfeifen, und stand sogar in dem Rufe, schon hier und da Heirathen zwischen Familien vermittelt zu haben, die sonst im Leben nicht zusammengekommen wären. Jedenfalls hatte er ein ähnliches Gewerbe in Deutschland getrieben, wo zwischen Bauernfamilien und überhaupt auf dem Lande Ehen nur zu häufig auf diese Art geschlossen werden.

Jeremias ging auch demnach gekleidet, denn während der Seidenhut (Cylinder, Schraube, Angströhre, oder wie die Namen alle heißen mögen) in die höhere Gesellschaft hineinragte, stand er mit den groben, schweren nägelbeschlagenen Schuhen mitten im Proletariat, und der übrige Mensch trug außerdem nur die Kleider der übrigen Menschen — abgelegte Hosen, Westen und Röcke, wie sie ihm von den Honoratioren abfielen und meist noch alle aus Deutschland herübergekommen waren. Leider paßten sie nur nicht immer, und Jeremias schien darin eine eigene Geschicklichkeit erworben zu haben, seinen Körper allen derartigen Errungenschaften, so gut das nur möglicherweise gehen wollte, anzuschmiegen.

Heute nun fand er reichliche Beschäftigung bei den neuen Ansiedlern, theils um Gepäck auf einem Handkarren von der Landung herauf zu schaffen, theils die verschiedenen Parten an passenden Stellen unterzubringen. Daß er seine übrigen und alten Kunden dadurch vernachlässigte, störte ihn nicht im Geringsten. Die liefen ihm nicht weg, aber Alles, was er unter der Zeit hier verdiente, war rein gewonnen.

Um aber die Arbeit rasch und leicht verrichten zu können, hatte er seinen Rock ausgezogen und ohne Weiteres in irgend ein offenes Fenster an der Straße hineingeschoben; so stand er denn jetzt vor von Pulteleben, die unten zu einem Wulst aufgekrämpelten Hosen oben mit einer grellrothen, wollenen Schärpe statt Hosenträger festgehalten, darüber eine hellblaue Seidenweste geknöpft, die der frühere Besitzer nicht mehr tragen konnte, da ihm der Kellner eines Mittags die Saucière darüber geschüttet, eine schwarze Halsbinde um den nackten Hals, denn der weiße Hemdkragen war ihm bei der scharfen Arbeit darunter vorgerutscht, und ein großes, blaubaumwollenes Taschentuch in die linke Hosentasche so weit hineingezwängt, wie es möglicherweise gehen wollte.

Jeremias schwitzte außerdem, daß ihm das Wasser ordentlich in Strömen von Stirn und Schläfen herunter lief, und von Pulteleben lachte, trotz seiner unangenehmen Situation, doch gerade heraus, als Jeremias das blaue Taschentuch jetzt durch einen plötzlichen Ruck zu Tage brachte — wobei er die Hosentasche auch mit nach außen drehte — dann mit der rechten Hand seine brennend rothe Perrücke lüftete und sich darunter den vollkommen kahlen Kopf mit dem Tuche wischte.

»Na, Sie brauchen nicht zu lachen,« sagte Jeremias; »ich wollte einmal sehen, wie Sie schwitzten, wenn Sie so ein Ding auf dem Kopfe hätten; das ist wie ein Pelz — nun, wie steht's?«

»Also Sie haben eine Stube zu vermiethen?« fragte der junge Mann, dem jetzt vor allen Dingen daran lag ein Unterkommen zu finden — »in angenehmer Lage?«

»Ich nicht,« meinte Jeremias, »das bleibt sich aber gleich, denn ich weiß eine, wo Sie gleich einziehen können.«

»Allein?«