Noch immer haftete des alten Mannes Blick fest auf seiner Frau, und an dem Arm der Tochter hob er sich empor, bis er aufgerichtet vor ihr stand — dann seine Hand auf Elisens Schulter legend, und sich zu ihr wendend, während nur noch ein scheuer Blick nach der Frau hinüberschweifte, flüsterte er:
»Glaub' ihr nicht, Elise, glaub' ihr nicht. Jahr nach Jahr hat sie mich eingeschläfert und mein Gewissen erdrückt, daß es nicht ausbrechen konnte an freie Luft. Jetzt ist's vorbei, jetzt ist's vorbei! Er ist gekommen, der Rächer, und die Schuld muß gesühnt werden.«
»Vater!« rief Elise in furchtbarer Angst — ist geschehen — was hast Du?«
»Er spricht im Fieber,« rief die Mutter erbleichend — »hör' nicht auf ihn — lauf', Elise — spring' hinaus und schick' das Mädchen nach einem Arzt!«
»Zurück!« rief der alte Mann, indem er Elisen's Arm jetzt krampfhaft hielt — »zurück Versucher, Deine Zeit ist um. — Länger ertrag' ich's nicht — hat mir so schon das Herz fast abgedrückt die langen, langen Jahre über — zurück!« Und das Mädchen wieder an sich ziehend, flüsterte er ihr rasch und ängstlich zu: »Komm mit auf mein Zimmer, Elise — komm mit — Du sollst Alles — Alles wissen — Dir will ich beichten — in Dein reines Herz will ich meine ganze Schuld, meinen ganzen Jammer ausschütten — dann wird mir wohl — dann wird mir wohl werden!«
»Franz,« rief die Frau, mit krampfhaft gefalteten Händen zu ihm aufschauend — »um Gottes willen bedenke was Du thust! Willst Du das Kind vom Herzen der Mutter reißen?«
»Du hast kein Herz!« stöhnte aber der alte Mann, die zitternde Hand gegen sie schüttelnd — »geh' — geh' — geh'! Laß mich mit dem Kind allein, ich muß sprechen — muß endlich sprechen und für meine Seele Ruhe finden, wenn ich nicht hier und dort zu Grunde gehen soll. Komm', Lieschen, komm — ich will reden,« und mit zitternder Hast zog er die Tochter in sein Zimmer. Die Frau aber wankte zum Sopha, warf sich darauf, barg ihr Gesicht fest, fest in den Händen und lag dort stumm und regungslos.
Das war ein trauriger Tag in dem Hause. Die Dienstleute gingen herum und wußten nicht, was mit der Herrschaft geschehen sei. Das Frühstück war schon unberührt auf dem Tisch stehen geblieben und kalt wieder hinausgetragen, zum Mittagsessen wurde gar nicht gedeckt. Das Dienstmädchen ging ein paar Mal zur »Madame« hinein, um zu fragen ob Niemand Etwas verlange — aber sie bekam nicht einmal eine Antwort. Die Frau lag noch immer auf dem Sopha und regte kein Glied, und nur an dem schweren Athmen konnte man sehen, daß sie noch lebe, und Elise war, als sie den Vater verließ, auf ihr Zimmer gegangen, und hatte sich dort eingeschlossen.
So kam der Abend heran, und als es anfing zu dämmern, erhob sich die Frau langsam von ihrem Lager, stand auf, und verließ das Haus und den Garten, und schritt langsam den schmalen Weg zum Thal hinab. Karl sah sie gehen, und schüttelte den Kopf, denn wie selten war die Frau hinaus vor die Gartenthür gegangen, und nie und nimmer nach Dunkelwerden — wo wollte sie jetzt hin? Einmal fiel es ihm ein, ob er nicht lieber hinein gehen sollte und es dem Herrn sagen; aber der hatte seinen Riegel inwendig vorgeschoben, und das Fräulein war eben so wenig zu sprechen. Er ging dann selber hinaus vor den Garten, um nach der Madame da draußen auszuschauen — aber sie war nirgends zu sehen, und es fing an, ihm selber ganz unheimlich dabei zu werden.
Endlich kam Elise herunter, um ihre Mutter zu sprechen. — Das Mädchen kam ihr weinend entgegen, um ihr zu erzählen, daß die Frau fort sei, und so gar schrecklich bleich ausgesehen habe, wie sie gegangen, und so gar große und glänzende Augen gehabt habe. Und kein Tuch hatte sie mitgenommen, keinen Hut — ruhig und langsam war sie hinausgeschritten auf die Straße und dort hinab.