Elise seufzte tief auf und faßte krampfhaft ihr armes, gequältes Herz — die Ahnung von etwas Furchtbarem kam über sie; aber so viel war schon geschehen — so Entsetzliches, daß der Eine Schlag nicht betäubender wirken konnte als der andere. Das Mädchen durfte auch nicht ahnen was geschehen — wenigstens jetzt noch nicht, denn lange ließ es sich ja doch nicht mehr geheim halten.

»Wo ist der Karl?« fragte sie ruhig.

»Hier, Fräulein,« sagte der junge Bursche, der schüchtern an der Thür gestanden.

»Geh' hinunter in die Stadt und suche die Mutter — sie ist krank — benachrichtige auch zugleich den Arzt, daß sie in einem heftigen Fieberanfall das Haus verlassen habe. Wenn Du sie allein nicht gleich findest, so schick' andere Leute nach allen Richtungen aus — Du wirst aber schon von ihr hören — Menschen werden sie schon hier oder da gesehen haben — lauf', Karl — sei geschwind, und — wenn Ihr sie gefunden habt, schick' mir rasch einen Boten voraus, daß ich Euch entgegen komme.«

Karl nickte stumm mit dem Kopfe, und seine Mütze nehmend lief er in die Stadt hinab, so rasch ihn seine Füße trugen — aber der Abend verstrich und er kehrte nicht zurück, und Elise ging still und allein in dem öden Zimmer auf und ab. Es war tiefe Nacht, und der Mond ging auf und warf sein bleiches Licht in zitternden Schatten durch den Orangenbaum, der vor dem Fenster stand; Elise sah es nicht — die Augen auf den Boden geheftet, wanderte sie die halbe Nacht mit schweren, sorgenvollen Schritten, bis sie etwa gegen zwei Uhr Morgens die Hausthür gehen hörte und wußte, daß jetzt Karl zurückgekehrt sei. Sie schritt zur Thür, und rief: »Karl!«

»Ach, Fräulein, sind Sie noch auf?«

»Hast Du keine Spur gefunden?«

»Wir haben Alles abgesucht — in allen Häusern nachgefragt, sie kann — sie kann sich nirgends aufgehalten haben.«

»Sie war in der Stadt?«

»Ja — des Liebel's Mädchen hat sie gesehen, wie sie dort am Haus, aber hinten am Garten vorbeigegangen ist, auf dem kleinen Wege — der —«