»Er hat mir sein ganzes Herz ausgeschüttet,« sagte die Tochter — »seine ganze, furchtbare Schuld bekannt und — mich noch viel Furchtbareres ahnen lassen, was ihn dazu getrieben« — setzte sie leise und scheu hinzu. »Das Unglück ist aber so plötzlich über uns hereingebrochen, daß es mir selber manchmal noch wie ein böser, furchtbarer Traum vorkommt, aus dem ich endlich erwachen müsse, weil es ja gar nicht möglich sein könne, daß er wahr — daß er wirklich sei. Und doch ist er wahr und wirklich; — ich wache — ich lebe bei vollem Bewußtsein, und darf mir das Entsetzlichste — meine Mutter — noch nicht einmal denken, wenn ich die armen, gequälten Sinne zusammenhalten will. — Doch jetzt fort mit Allem, was mich stören oder hindern könnte — der Schmerz ist mein — und ich will ihn allein tragen.«

»Und verschmähst Du die Hand, die sich ausstreckt, Dir tragen zu helfen?«

»Lassen Sie mich ausreden,« bat Elise, »denn der Weg, den ich mir vorgezeichnet habe, liegt so klar und offen vor mir, daß kein Irren davon möglich ist. — Ich will auch nicht den Vater — die Eltern entschuldigen — das Furchtbare ist geschehen, und die Folgen brechen herein. Nichts bleibt uns jetzt übrig, als gut zu machen was noch möglich ist — und das soll geschehen. Mein Vater hat die ganze Nacht damit zugebracht, seine Papiere zu ordnen — ich habe ihn heute Morgen gesprochen — bis heute Nachmittag wird er mit Allem fertig sein, und läßt bis dahin Ihren Freund bitten, sich zu ihm her zu bemühen.«

Könnern schwieg und nickte nur leise mit dem Kopf.

»Er wird ihm,« fuhr Elise fort, und Könnern sah, welche Gewalt sie sich anthun mußte, ruhig zu bleiben — »Alles übergeben was wir haben — Alles,« setzte sie rasch hinzu, »selbst das Letzte, und morgen — verlassen wir dann die Colonie.«

»Elise, das geht nicht — das geht bei Gott nicht!« rief Könnern erschreckt.

»Es geht nicht?« rief das junge Mädchen, und ihre ganze Gestalt zitterte, ihre Glieder bebten, die Lippen halb geöffnet, mit stieren Blicken streckte sie die Arme nach Könnern aus und bat mit vor innerer Angst fast erstickter Stimme: »Und soll auch noch das Furchtbarste über uns hereinbrechen? Soll der arme, alte Mann, dessen Leben schon durch seine Gewissensbisse zerstört und vergiftet wurde, auch noch in den Kerker müssen? Soll ich den Vater hinter Eisenstäben sterben sehen, während die Mutter…« Sie konnte nicht mehr, der schwache Körper hatte das Übermenschliche ertragen, und sie wäre zu Boden gesunken, hätte sie nicht Könnern in seinem Arm aufgefangen.

»Elise,« flehte der junge Mann in Todesangst, »woher diese schrecklichen Gedanken — quäle Dich nicht unnöthig mit einer leeren Furcht! Dein Vater kann frei hinziehen, wohin er will — Günther von Schwartzau ist ein Ehrenmann und mein treuer Freund, und was in seinen Kräften steht, Dein hartes Geschick zu mildern, wird er mit Freuden schon meinetwegen thun.«

»O, Dank — tausend, tausend Dank für diesen Trost!« schluchzte Elise, ergriff Könnern's Hand und preßte sie an ihre Lippen, ehe er es verhindern konnte — »dann ist Alles gut — Alles gut — und mit der Angst von sich genommen, die seine Tage vergiftet hat, kann er, wird er ein neues Leben beginnen. Ich bin ja auch jung und kräftig,« fuhr sie lebhafter fort — »ich will und kann arbeiten, und Gott wird uns nicht verlassen, wenn er die wahre Reue des Schuldigen sieht.«

»Elise,« rief Könnern, der sich nicht länger halten konnte — »Du zerreißest mir das Herz mit solchen Reden — »bin ich Dir gar Nichts mehr? Sind die lieben Worte, welche Du gestern zu mir gesprochen, schon verhallt und todt? Elise, ich entbinde Dich nicht des Wortes, das Du mir gegeben — was auch geschehen, was verschuldet ist, nicht Du — nicht ich trage die Schuld davon, und wir dürfen deshalb nicht darunter leiden. Du bist mein — mein für immer, und auf Händen will ich Dich tragen mein ganzes Leben lang!«