»Es wird das allerdings eine sehr undankbare Arbeit werden,« sagte Günther kalt, denn die ganze Art und Weise des Mannes gefiel ihm nicht, hätte er selbst nicht Sarno in seinem Herzen für einen ehrlichen und auch vollkommen tüchtigen Mann gehalten. Er suchte auch das ihm unangenehme Gespräch über diesen Gegenstand so bald als möglich abzubrechen, und empfahl sich dann bald dem Präsidenten, um an diesem Abend noch einige Bekannte in der Stadt zu besuchen.

Am nächsten Morgen ziemlich früh suchte er denselben aber wieder auf und hatte gehofft, die Unterredung da allein mit ihm haben zu können, weil die Frau Präsidentin doch wohl ihre Toilette noch nicht so bald beendet haben würde. Darin irrte er sich jedoch, denn er war kaum gemeldet und angenommen, als die Senhora auch schon in's Zimmer trat und sich an dem einen Fenster in einem Lehnstuhl niederließ. Der Präsident schien Nichts mehr ohne seine Frau, oder diese vielmehr Alles ohne ihn zu thun.

»Sie sprachen gestern von einer Klage, lieber Freund,« sagte Se. Excellenz, als Günther nach den ersten Begrüßungen Platz genommen hatte — »es wäre mir viel lieber, wenn sie in Santa Clara die Sache nicht weiter aufgerührt hätten, denn es wird wenig daran zu thun sein — meinst Du nicht?«

»Daran zu thun sein,« sagte die Senhora achselzuckend — »was soll daran zu thun sein? Die frühere Ehe war nach unseren Gesetzen vollkommen ungültig, bestand also gar nicht, und wenn kein Hinderniß vorliegt und zwei Leute sich gern haben und einander heirathen wollen, wer kann es ihnen verwehren? Außerdem hat die Frau ein ganz unverdientes Glück mit Dom Franklin gemacht.«

»Kein Hinderniß vorliegt, gnädige Frau?« rief Günther, wirklich erstaunt — »ich kann doch wahrhaftig nicht glauben, daß Sie eine geschlossene Ehe als kein Hinderniß, sich anderweitig zu verheirathen, betrachten würden.«

»Ich hoffe nicht,« sagte die Dame stolz, »daß Sie unsere Ehen mit einem solchen »Contracte« vergleichen werden. Übrigens ist die Sache abgemacht und eine Klage also ganz nutzlos, wo die höchste Behörde schon entschieden hat.«

»Aber das ist ja gar nicht möglich!« rief Günther — »danach würde ja die Regierung muthwillig ihre ganzen protestantischen Unterthanen demoralisiren und dem Verbrechen mit eigener Hand die Thür öffnen. Gnädige Frau irren sich jedenfalls darin.«

»Irr' ich mich? So — bitte, nehmen Sie einmal das zusammengefaltete Papier, das da neben Ihnen auf dem Tische liegt — nein, das andere dort — das da, und nun sein Sie so gut und lesen Sie den Entscheid unseres Bischofs — lesen Sie ihn laut. Sie werden sich dadurch jedenfalls zufrieden gestellt fühlen, daß die Sache als vollkommen erledigt betrachtet werden kann.«

Günther nahm kopfschüttelnd das Papier, entfaltete es und las:

»Emmanuel durch Gottes Erbarmen und des Apostolischen Stuhles Gnade, Bischof von Santa Sebastiao oder Rio de Janeiro.